Maltherapie
nach C. G. Jung
Cornelia Daheim
Abstract
Jung [entdeckte] als erster die Bedeutung der schöpferischen
Prozesse, oder der Kreativität, für die psychische Gesundheit und
das psychische Gleichgewicht, und vor allem führte er durch seine
Methode der aktiven Imagination das Schöpferische als selbständiges
Element seiner Analysen ein und benutzte es als erster als wichtigen
Faktor der therapeutischen Arbeit als solcher.[1]
In diesem Zitat
zeigt sich deutlich, welch wichtige Rolle in der Geschichte der Kunsttherapie
C.G. Jung hier zugesprochen wird. Trotz aller Vorbehalte[2]
gegenüber Jung und der von ihm begründeten Analytischen Psychologie
finden sich zahlreiche solcher Einschätzungen der Bedeutung Jungs für
die Kunsttherapie in der einschlägigen Fachliteratur - so bezeichnet
ihn Martin Schuster gar als einen Pionier der Kunsttherapie".[3]
Ob nun Pionier oder Begründer - diese Frage soll uns hier nicht weiter
beschäftigen. Wichtig ist aber, daß die Analytische Psychologie, lange
Zeit das Stiefkind" der Tiefenpsychologie, mit der fortschreitenden
Entwicklung und Akzeptanz der Kunst-therapie sozusagen ein Revival"
erlebte.[4] Die Kunsttherapie ist selbst noch relativ
jung, entwickelte sich aus dem zu Beginn unseres Jahrhunderts entstehenden
Interesse an der Bildnerei der Geisteskranken".[5]
Mit der Ausdifferenzierung der Methoden etablierten sich erst in den
letzten zehn bis zwanzig Jahren verschiedene kunsttherapeutische Ansätze
und Schulen, unter ihnen auch die der Analytischen Psychologie, denen
trotz aller Unterschiede ein Anliegen gemeinsam ist:
Diese neuen Therapieansätze sind nicht mehr nur
als technische Varianten im Rahmen bestehender Psychotherapieverfahren
zu sehen [...], sie sind nicht nur als allgemeine rehabilitative
Maßnahmen im Rahmen der Psychiatrie zu betrachten, sie sind auch
keine Form der Beschäftigungs- bzw. Ergotherapie, sondern sie verstehen
sich dezidiert als klinische Methoden ganzheitlicher und kreativer
Behandlung".[6]
Petzold und Orth,
die hier den Begriff der neuen Kreativitätstherapien anstelle des Begriffs
der Kunsttherapie verwenden[7], betonen den Anspruch
dieser Therapieansätze, die sich ausdrücklich nicht als ancillarisch
verstehen, auf Eigenständigkeit.[8] Problematisch ist
es daher auch, von einer Jungschen Kunsttherapie" zu sprechen,
denn Jung selbst hat nie eine klar umrissene Theorie der Kunstherapie
verfaßt. Zwar arbeitete er mit gestalterischen Mitteln, hat diese Arbeit
aber eben nicht als eigenständige Therapie verstanden, sondern als eine
Methode, die er in seine Analysen einbettete, also als ancillarisch.
Dennoch kann man heute von einer Kunsttherapie nach Jung sprechen, denn
in seinen Werken finden sich vielfältige Ausführungen zum Umgang mit
gestalterischen Methoden und mit von den Analysanden gestalteten Produkten.
Auf dieser Grundlage hat sich eine Methode entwickelt, die auf der Analytischen
Psychologie fußt und sich auf Jung beruft, auch wenn sie sich als eigenständige
klinische Methode und nicht als Hilfstherapie begreift. Doch kann man
nicht von einer einheitlichen Schule sprechen, denn auch hier zeigt
sich, wie in der Kunsttherapie allgemein, eine Vielfalt verschiedener
Ansätze[9], die auch mit den verschiedensten gestalterischen
Mitteln arbeiten. Als wichtigste und bekannteste Vertreterin einer Kunsttherapie
nach Jung ist wohl Jolande Jacobi zu nennen, deren Werke immer noch
als grundlegend für eine Therapie mit gestalterischen Mitteln im Rahmen
der Analytischen Psychologie gelten.[10]
In dieser Arbeit soll es nun darum gehen, den Begriff
der Kunstherapie nach Jung inhaltlich zu füllen. Da die Maltherapie
die am häufigsten im Rahmen der Analytischen Psychologie angewandte
Methode darstellt, werde ich mich auf sie beschränken und andere Methoden,
wie zum Beispiel die Arbeit mit Ton, Stein oder Poesie, ausblenden.
Zunächst sollen Grundbegriffe der Analytischen Psychologie, die in diesem
Zusammenhang wichtig sind, kurz erklärt werden, um dann die Maltherapie
an sich darzustellen. Hier wird zunächst Grundlegendes zum Konzept der
Maltherapie nach Jung dargelegt, um dann Vorgehen, Methodik und die
Interpretation der Bilder zu beleuchten. Abschließend werden in einem
Fallbeispiel", das heißt anhand verschiedener Bildbeispiele,
die erläuterten Prinzipien verdeutlicht .
Anhand des Rückbezugs
auf Jungs Äußerungen zur Verwendung gestalterischer Methoden soll dabei
die Einbettung in Jungs Theorien deutlich gemacht werden. Auch sollen
hier die angesprochenen Differenzen verschiedener Therapiemethoden,
die sich allesamt als Maltherapie nach Jung begreifen, nicht verleugnet
werden, doch der Schwerpunkt liegt auf der Darstellung des Konzeptes,
also auf den Gemeinsamkeiten, nicht auf den Differenzen.[11]
1 Peer Hultberg: Jungs
Theorien zu Kunst und Literatur, S. 243.
2 Diese Vorbehalte
bestehen zum Beispiel gegenüber der "Wissenschaftlichkeit" der Jungschen
Psychologie und dem ihm häufig vorgeworfenen Mystizismus. Hier soll es
jedoch nicht um eine Verteidigung der Jungschen Theorie gehen oder gar
um ihre Bewertung. Zu diesen Vorwürfen, die sich oft auch auf Jungs politische
Position und sein Verhalten im Nationalsozialismus beziehen, sei auf einige
Arbeiten verwiesen, die sich mit diesen Vorbehalten beschäftigen: Micha
Brumlik befaßt sich vor allem mit Jungs Trennung von Freud und dem Nationalsozialismus
(C.G.Jung zur Einführung, s. besonders Kapitel III und VII), und Aniela
Jaffé: Parapsychologie, Individuation, Nationalsozialismus.
3 Martin Schuster:
Kunstherapie, S.36.
4 vgl. Judith Aaron
Rubin: Einführung, S.18f.
5 "Bildnerei der Geisteskranken"
ist der Titel des klassischen Buches von Hans Prinzhorn, erschienen 1923,
das hier beispielhaft für eine Vielzahl von Arbeiten steht, die sich zu
dieser Zeit mit den kreativen Produkten von psychiatrischen Klienten beschäftigten.
Auf die Geschichte der Kunsttherapie kann hier nicht weiter eingegangen
werden ( zu diesem Bereich siehe: Karl-Heinz Mensen: Kunsttherapie. Zur
Geschichte der Therapie mit Bildern, und Christoph Thomas: "Ich kann aber
nicht malen ..."). Es sei nur betont, daß die Kunstherapie sich immer
noch in einem Prozeß der Entwicklung und Etablierung befindet, im deutschsprachigen
Raum weit mehr als in den USA oder in den Niederlanden (vgl. Judith Aaron
Rubin: Einführung, S.14ff., und Hilarion Petzold, Ilse Orth: Die neuen
Kreativitätstherapien, S.18) .
6 Hilarion Petzold,
Ilse Orth: Die neuen Kreativitätstherapien, S.18.
7 Es gibt zur Zeit
zahlreiche Begriffe für diesen Bereich der Therapien; ich bezeichne mit
Kunsttherapie hier alle Therapien, die mit kreativen, gestalterischen
Mitteln arbeiten und sich eben als eigenständige klinische Methode verstehen,
in Abgrenzung zu Beschäftigungstherapien, die ebenfalls das gestalterische
Arbeiten einsetzen (Zur Begriffs- und Definitionsproblematik siehe Hilarion
Petzold. Ilse Orth: die neuen Kreativitätstherapien, S.15-24, und Tessa
Dalley: Einführung, S.9-13).
8 vgl. Israel Zwerling:
Die Therapien der "kreativen Künste", S.63ff.
9 Eine umfassende
Darstellung der aktuellen Ansätze und Formen liegt vor in: Die neuen Kreativitätstherapien.
Handbuch der Kunsttherapie. Hrsg. von Hilarion Petzold und Ilse Orth.
10 Zu nennen ist hier
vor allem Jacobis Buch "Vom Bilderreich der Seele", das wohl den ersten
umfassenden Leitfaden einer Maltherapie nach Jung darstellt.
11 Eine Auseinandersetzung
mit den verschiedenen Ansätzen und den zwischen ihnen bestehenden Differenzen
kann schon allein deshalb hier nicht geleistet werden, da dies den Rahmen
der Arbeit sprengen würde und auch zu einer Vernachlässigung des eigentlichen
Themas führen würde. Dies gilt ebenso für die Ausblendung der anderen
Formen gestalterischer Methoden. Zu den Differenzen der verschiedenen
sich auf Jung berufenden Ansätze sei hier auf Andrew Samuels verwiesen,
der sich diesem Thema in aller Ausführlichkeit gewidmet hat (Andrew Samuels:
Jung und seine Nachfolger).
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