4.7.2 Akteure

Wiedemann (1990) ordnet die Risikokommunikation denjenigen Kommunikationsprozessen zu, die sich auf die Identifizierung, Analyse, Bewertung sowie das Management von Risiken und die dafür notwendige Interaktion zwischen den Beteiligten beziehen. Diese formale Beschreibung spezifischer Prozesse soll im folgenden durch die Benennung der an der Risikokommunikation beteiligten Akteure ergänzt werden. Risikokommunikation besagt, so Wulf (1996), daß verschiedene Parteien, Verwaltung, Politik, Öffentlichkeit, Wissenschaft, Gewerkschaft über das Ausmaß von Gesundheits- und Umweltrisiken kommunizieren. Dabei werden Aspekte der Faktizität potentieller Risiken und der davon betroffenen Akteure, ihre Reichweite und Möglichkeiten der Risikovermeidung und -vorsorge thematisiert. Insgesamt kann Hennen (1990) zufolge zwischen sechs Typen von Akteuren (Arenen) im Rahmen der Risikokommunikation differenziert werden:

Die Industrie

Gerade die in der Öffentlichkeit stehenden Wirtschaftsunternehmen müssen sich der Kontrolle und Kritik der Öffentlichkeit aussetzen. Sie gilt als Produzent oder Betreiber riskanter Technologien. Dazu gehören z.B. Betriebe, die schadstoffproduzierende Anlagen bauen (z.B. Kraftwerke), Hersteller potentiell gefährlicher Produkte, Betreiber von Forschungseinrichtungen (z.B. Labors für gentechnische Experimente) sowie Transporteure von Gefahrengütern.
      
Risikokommunikation ist gerade bei Akzeptanzkrisen für Wirtschaftsunternehmen immer riskant, weil sie nie wissen können, ob die von ihnen herausgegebenen Informationen eine Diskussion entwickeln, die letztendlich ihre Interessen konterkarieren (vgl. Compare 1995). Zu vollmundige Unternehmensleitlinien können bei Nichteinhaltung einen Bumerangeffekt dahingehend bewirken, daß Unglaubwürdigkeit von den Konsumenten durch Protest und Boykott bestraft wird.

Risikokommunikation von Unternehmen umfaßt folgende Ansprüche, die Meier (1996) zusammengefaßt hat. Dazu gehört die Offenheit von unternehmerischen Entscheidungen gegenüber der Öffentlichkeit, die Offenheit gegenüber potentiellen Risiken von Produkten, Produktionen und Produktionsstandorten, die Akzeptanz von Unternehmensentscheidungen bei der dort ansässigen Bevölkerung sowie der Dialog mit der Öffentlichkeit über unternehmensspezifische Planungsentscheidungen. Risikokommunikation soll aktiv betrieben werden, um Glaubwürdigkeit, Respekt und Akzeptanz bei der Bevölkerung zu erreichen. Vom Anspruch her soll die kritische Öffentlichkeit idealtypisch nicht als Gegner, sondern als "Impulsgeber" verstanden werden.

Exponierte

Obwohl sich der Bereich von Risiken in vielen Fällen lokal nicht eingrenzen läßt, gibt es z.T. konkret benachteiligte Bevölkerungsschichten, die sich in unmittelbarer räumlicher Nähe einem höheren Risiko aussetzen. Dazu gehören Anwohner von Industrieanlagen, Beschäftigte, die an gefährlichen Produktionsprozessen beteiligt sind und schließlich auch die Nutzer einer riskanten Technologie.

Interessierte Öffentlichkeit

Dabei handelt es sich um Personengruppen, die keine Verursacher oder Exponierte sind, aber gleichwohl an der Problemdiskussion teilnehmen, weil sie sich von den Konsequenzen zumindest mittelbar oder langfristig betroffen fühlen oder Solidarität mit den unmittelbar Betroffenen dokumentieren möchten. Dazu werden die allgemeine, nicht organisierte Bevölkerung und andererseits organisierte Interessensgruppen wie Bürgerinitiativen, alternative Bewegungen sowie Interessensverbände verschiedener Art (z.B. Gewerkschaften, Industrielobby, Umweltschutzverbände, Kirchen, politische Parteien) gerechnet.

Regulative Instanzen

Dazu zählen staatliche Administration (Institutionen des Bundes, Länder und Gemeinden), die legislativ oder exekutiv für die Regelungen der jeweiligen Problemlage zuständig sind. Darunter fallen u.a. Parlamente, Genehmigungsbehörden und Aufsichtsämter.

Wissenschaftler

Wissenschaftler erheben den Anspruch, kompetente und unabhängige Bewertungsmaßstäbe für die Analyse und Auswirkungen von Risiken zu liefern. Sie stammen aus Universitäten, Forschungseinrichtungen oder alternativen Wissenschaftsinstituten (z.B. dem Öko-Institut). Darüber hinaus nehmen sie als Sachverständige/Gutachter in diversen technische Gremien (z.B. TÜV, VDI) Kontrollaufgaben wahr.

Journalisten

Journalisten sollen im Rahmen der Berichterstattung Informationen über Technologien und die damit verbundenen Möglichkeiten und Gefahren vermitteln. Im Rahmen der journalistischen Selektions- und Gestaltungsprozesse fällt ihnen die Aufgabe zu, vor Risiken zu warnen und Handlungsanweisungen im Umgang mit Risiken zu formulieren. Sie sollen aufklären und sensibilisieren, um der interessierten Öffentlichkeit die Möglichkeit zu geben, Kompetenzen im Kontext der Urteils- und Meinungsbildung zu erlangen, an die sich - zumindest idealtypisch - Partizipationsoptionen anschließen sollen. Journalisten sind nicht zwingend direkte Beobachter oder Augenzeugen des Geschehens, sondern müssen sich z.T. auf Agenturmeldungen verlassen. Sie konstruieren soziale Wirklichkeit und wählen Themen nach bestimmten Interessen in Form von Darstellungsmöglichkeiten und "Verkaufsstrategien" aus. Sachzwänge in Form eines unzureichenden Zeitkontingentes für eine adäquate Darstellung komplexer Risikophänomene erschweren eine informative Hintergrundberichterstattung. Diese unterliegt zunächst den Selektionskriterien der darüber berichtenden Journalisten und damit zusammenhängenden  Meinungen, Moden, Moralvorstellungen und daraus sich bildenden Urteilen.
      
In hinblick auf die Medienberichterstattung über Risiken ist der  Vorwurf laut geworden, daß Sensationshascherei und  Konfliktorientierung zu sehr betont werden. Es wird kritisiert, daß Transparenz und Aufklärung immer seltener zu den zentralen Motiven journalistischer Berichterstattung gehören und Krisen und Katastrophen zu stark dramatisiert vermittelt werden. Im Kontext der audiovisuellen Medienberichterstattung werden dramatische Szenerien besonders häufig gesendet. Moderne Risiken werden in den Medien primär über Bilder von Kriegsopfern, strahlenkranken Kindern, sterbenden Robben, durch chemische Waffen verätzte Soldaten u.v.m. vermittelt. Die Berichterstattung in den Medien hinsichtlich eintretender Todesfälle verzerrt dabei die statistische Bedeutung von Todesursachen. Während Unfälle, Verbrechen und Naturkatastrophen überproportional häufig thematisiert werden, fällt die Berichterstattung über Krankheiten - trotz des häufigeren Eintretens - erheblich geringer aus. Die Tendenz der Berichte hat sich vielmehr dahingehend entwickelt, daß überproportional häufig über die Risiken berichtet wird, die "relativ ernst und relativ selten" seien (vgl. Peters 1994). Dies trägt im Kontext der selektiven Wahrnehmung der Rezipienten gleichwohl dazu bei, daß die faktisch am häufigsten auftretenden Risiken von den Rezipienten nur unzureichend wahrgenommen werden. Ein Grund für diese Form der Berichterstattung hängt auch hier mit dem Visualisierungszwang audiovisueller Medien zusammen. Die Darstellung von häufigen Herz-Kreislauferkrankungen ist optisch schwieriger zu vermitteln, als die Berichterstattung von Naturkatastrophen. Bei einer zu starken Dominanz dramatischer Bilder, die nur einen Bruchteil tatsächlicher Risiken dokumentieren, wird die Wahrnehmung der Rezipienten verzerrt. Diese Form der Berichterstattung steht dem Postulat an eine möglichst zutreffende Beschreibung faktischer Geschehnisse konträr entgegen. In der Regel dominieren primär schlechte Nachrichten in den Medien. Sie erzeugen Interesse und Aufmerksamkeit, die sich dann in den Verkaufszahlen von Printmedien bzw. bei den Einschaltquoten im audiovisuellen Bereich zeigen. Dieses Interesse wird häufig - so ein weiterer Vorwurf an die journalistische Praxis, insbesondere die Boulevardpresse - durch die Fokussierung auf Individuen verstärkt. Gesellschaftliche Tabus, die z.B. in der "AIDS"- Berichterstattung behandelt werden, werden weniger aufklärerisch anhand spezifischer Ursachenphänomene und gesellschaftliche Hintergründe behandelt; vielmehr steht eine Einzelperson im Zentrum der Betrachtung. 
      
Es stellt sich die Frage, ob die Medienberichterstattung damit ihrer Kontroll-, Kritik- und Aufklärungsfunktion adäquat gerecht wird. 

Ziele und Aufgaben

Wiedemann u.a. (1990) formulieren als Zielsetzungen der Risikokommunikation auf einer ersten Ebene eine Analyse der Werte und Risikowahrnehmungen innerhalb der Bevölkerung. Als zweiter Schritt folgt die Vermittlung und Erklärung von Risikoinformation sowie drittens die Entwicklung von Maßnahmen zur Information der Öffentlichkeit in Krisen und Katastrophenfällen. Zu den konkreten Arbeitsaufgaben gehören die:

  • Aufklärung der Öffentlichkeit über Risiken, Risikoanalyse und Risikomanagement
  • Analyse von Risikoverständnissen sowie Risikobewertungen von unterschiedlichen Interessengruppen
  • Vermittlung und Erklärung von Risikoinformationen
  • Entwicklung von geeigneten Maßnahmen zur Information der Öffentlichkeit in Krisen und Katastrophenfällen
  • Entwicklung von geeigneten Maßnahmen zur Veränderung von risikobezogenen Verhaltensweisen

Diskursivität

Risikokommunikation versucht zu beeinflussen und  wird bei Kontroversen eingesetzt, um schwierige technische Zusammenhänge zu vermitteln. Idealtypisch soll für Konfliktverminderung durch Anhebung des Informations- und Wissensniveaus gesorgt werden. Eine moderne Form der Risikokommunikation geht idealtypisch vom Modell eines demokratischen Dialoges aus, der als interaktiver Prozeß des Austausches von Information und Meinung zwischen Bürgern, Gruppen und Institutionen interpretiert wird.
      Die angesprochenen Aufgaben lassen sich nur diskursiv bewerkstelligen. Kommunikationsstrategien sind erforderlich, um die Herausforderungen adäquat zu bearbeiten.  Als ein grundlegendes Postulat gilt, daß eine praktikable Risikokommunikation keine Einbahnstraßenkommunikation darstellen sollte (vgl. Schütz/Wiedemann 1997). Darüber hinaus sollte sie zielgruppenorientiert und transparent angelegt sein. Risikokommunikation umfaßt eine Reihe von Adressaten. Dazu gehören Akteure in Gerichtsverfahren, Genehmigungsverfahren, die massenmediale Darstellung von Risiken u.v.m. Risikodiskurse setzen sich nicht ausschließlich aus vernunftgeleiteten Debatten zusammen. Emotionen, Angst, Empörung und Aufregung werden in diesem Kontext artikuliert und sollten ernst genommen werden. Auch die Angst vor Risiken muß als Faktor der Risikobewertung ins Kalkül einbezogen werden. Als professionelle Aufgabe unterliegt sie der Maxime der Aufklärung, der Informationspflicht, sie hat das Kenntnisgefälle der Adressaten zu berücksichtigen. Risikokommunikation stellt den Versuch dar, durch Eröffnung einer zweiseitigen Kommunikation die Öffentlichkeit in demokratisch partizipatorischer Weise einzubinden und ihre Beurteilungs- und Handlungskompetenz zu stärken. Sie ist dann  erfolgreich, wenn das Niveau des Risikoverständnisses angehoben wird und die Beteiligten genügend ausreichende Informationen erhalten, die angemessen verarbeitet werden können.
      Risikokommunikation wird also als Schlüssel zur diskursiven Lösung unterschiedlicher Ansprüche bis hin zu gegensätzlichen Positionen gepriesen (vgl. Banse 1996). Die Argumente müssen nachvollziehbar und öffentlich sein, Bewertungen überprüfbar sein. Diese Bedingungen sind wegen unterschiedlicher Interessen schwer zu bewerkstelligen. Die Versuchung ist groß, statt zu argumentieren, Interessen durch geschicktes Akzeptanzmanagement durchzusetzen.

An diesem Punkt werden im folgenden einige grundlegende idealtypische Anforderungen einer diskursiven Verständigungsorientierung aufgezeigt.
      Risikokommunikation sollte offen und voraussetzungslos stattfinden. Die Offenheit besagt, daß allen möglichen Einwänden und Ansprüchen offen Rechnung getragen wird. Dabei ist eine Transparenz der Entscheidungsbildung erforderlich.
      Grundregeln der Risikokommunikation umfassen eine Reihe von normativen Ansprüchen, die für jegliche Kommunikationsbeziehungen gelten. Gefordert wird eine gewaltfreie Form des Austauschens von Argumenten die fair, ernsthaft und sachlich erfolgt. Statt einer pauschalen Verdammung der Argumente des Kontrahenten wird keine pauschale, sondern eine differenzierte Betrachtung der Aussagen des Kommunikationspartners postuliert. Eine Kommunikation, bei der die eine Seite den Kommunikationspartner z.B. als "Atommafia" bezeichnet, während die andere Seite etwa von "grünen Spinnern" spricht, ist wenig erfolgversprechend.
      Wachlin und Renn (1998) differenzieren zwischen unterschiedlichen Diskursformen, die im Rahmen der Risikokommunikation zum Zuge kommen können. Auf einer ersten Ebene erfolgt ein Reflexionsdiskurs, auf dem Präferenzen und Werte ermittelt werden. Dabei werden Hilfsmittel zur Entscheidungsvorbereitung und zur antizipativen Konfliktvermeidung vorgegeben. Dem geht zunächst ein Eindruck von Stimmungen, Wünschen, und Ängsten voraus. Der sich mit den bislang gewonnenen Daten daran anschließende Gestaltungsdiskurs widmet sich der Bewertung von Handlungsoptionen und der Lösung konkreter Problemschlichtung. Parallel dazu erfolgt der Vermittlungsdiskurs, der eine gegenseitige Verständigung oder Kompromißfindung voraussetzt.
      Becker (1993) postuliert eine Reihe von kommunikativen Ansprüchen auf der Inhaltsebene. Dazu gehört die Offenheit über die Bedeutung riskanter Entscheidungen der Kommunikationspartner unter Einbeziehung potentieller Risiken und Nebenwirkungen negativer  Aspekte. Des weiteren ist der Aufbau dauerhafter Beziehungen zur internen und externen Öffentlichkeit gefordert. Dies soll verhindern, daß beispielsweise eine kontinuierliche Unternehmenskommunikation dauerhaft gewährleistet bleibt und nicht nur in Krisenfällen Verlautbarungen wahrzunehmen  sind. Die Dialogorientierung sollte dabei eine zentrale Rolle spielen, um Wünsche und Bedürfnisse der Bevölkerung im Vorfeld zu antizipieren, statt im Krisenfall zu reagieren.
      Auf der Ebene der Argumentation im Rahmen der Risikokommunikation steht zunächst das Wahrheitspostulat im Zentrum normativer Ansprüche. Darüber hinaus stellen  Überzeugungskraft, Relevanz, Informativität, Aufrichtigkeit, Kooperationsbereitschaft, Sachlichkeit, Sachkunde und Konsensorientierung weitere Komponenten einer adäquaten Risikokommunikation dar.
      Die skizzierten normativen Ansprüche erfüllen die Funktion, die Kritikfähigkeit der am Diskurs beteiligten Akteure durch kommunikative Verfahren zu bewerkstelligen (vgl. Rehmann-Sutter 1998). 


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