4.7.1
Legitimation
Sofern
von der Risikohinweisen auf Beipackzettel von Arzneien und der Tabakwerbung
einmal absieht, ist Risikokommunikation in der Bundesrepublik Deutschland
gesetzlich nicht vorgeschrieben. Dennoch gibt es gute Gründe für den
Bedarf an Risikokommunikation. Die Sensibilität für Risiken innerhalb
der Bevölkerung ist gestiegen. Im Rahmen industrieller Produktionsverfahren
kam es in den letzten Jahren und Jahrzehnten zu einer Reihe von Katastrophen
und Störfällen in den unterschiedlichsten technischen Anlagen. Darüber
hinaus wurden Medikamente auf den Markt gebracht, die erhebliche Nebenwirkungen
besaßen (z.B. Contagan). Des weiteren sind Risiken beim Verzehr von
Lebensmitteln (z.B. BSE-verseuchtes Fleisch) zu beklagen. Selbst der
als sicher geltende Zugverkehr ist durch das aktuelle Zugunglück in
Enschede in die öffentliche Debatte gerückt.
Im Rahmen der Diskussion stellt
sich die Frage, ob alle notwendigen Sicherheitsmaßnahmen durchgeführt
worden sind, um die betroffenen Nutzer vor den Risiken angemessen zu
schützen. Ökonomische Interessen können dabei den Sicherheitsinteressen
entgegen stehen. Absolute Sicherheit kann es nicht geben, die Minimierung
des "Restrisikos" durch zusätzliche Sicherheitssysteme erfordert
bisweilen erhebliche Kosten, die die Betreiber riskanter Technologien
aufgrund der konkurrenzzentrierten "Marktgesetze" nicht immer
bereit sind zu tragen.
Dennoch kann nur durch transparente
und sichere Unternehmenspolitik die Akzeptanz der Öffentlichkeit erreicht
werden. Kaum eine großtechnische Anlage, der Bau eines Kraftwerkes oder
einer Müllverbrennungsanlage nimmt ohne Bürgerproteste und Verwaltungsgerichtsverfahren
ihren Betrieb auf. Diese Tendenz dokumentiert, wie sensibel die Bevölkerung
auf die an sie herangetragenen u.U. belastenden Entwicklungen reagiert.
Das Mißtrauen in bezug auf die Glaubwürdigkeit
öffentlicher und privater Institutionen in Staat und Wirtschaft führte
zu Vertrauens- und Imageverlusten bis hin zu Boykottaufrufen vermeintlich
oder tatsächlich unglaubwürdiger Industrieunternehmen.
Durch Risiken und Nebenwirkungen
wird das Recht auf Information hinsichtlich der Transparenz bei der
Entscheidungsfindung gesellschaftlich relevanter Entscheidungen von
den Betroffenen und der breiten Öffentlichkeit erwartet.
Aus diesem Grund ist nicht nur die
Kontrolle und Beherrschbarkeit technologiebedingter Risiken unverzichtbar
geworden, notwendig ist ebenso die Kommunikation über die gesundheitlichen,
ökologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen ökonomischen
Agierens.
Die Konsequenz dieser Entwicklungen
liegt darin, daß neben Informationsdefiziten Vermittlungs- und Glaubwürdigkeitsdefizite
aufgearbeitet werden müssen. Es hat sich gezeigt, daß ein reines Informationsmodell
nicht ausreicht, um die Bevölkerung zu informieren. Der Wertewandel
und subjektive Ängste müssen stärker berücksichtigt werden, um Akzeptanz
zu erreichen.
Das Interesse von Wirtschaftsunternehmen
und staatlichen Instanzen an öffentlicher Akzeptanz und der sich daraus
u.U. erforderlichen Notwendigkeit der Risikokommunikation ergibt sich
durch das Eigeninteresse schon aufgrund des Imageverlustes, der bei
einem Versäumnis des Risikodialogs zu einer Legitimationskrise führen
kann, aus der sich auch wirtschaftliche Einbußen ergeben können. Im
Verständnis einer risikoaversiven Strategie und vorausschauenden Planung
sollte z.B. die Nichtakzeptanz von technischen Planungsentscheidungen
in das Kalkül der Verantwortlichen einbezogen werden. Durch die Transparenz
gegenüber den Betroffenen können ggf. Konflikte vermieden werden und
Alternativen bei Nichtakzeptanz aufgezeigt werden.
Trotz fehlendem politischen Mandat
verfügt z.B. die Organisation Greenpeace über ein erhebliches wirtschaftliches
und öffentlichkeitswirksames Potential, das im Rahmen der massenmedialen
Berichterstattung häufig zum Zuge kommt und erheblichen Einfluß auf
das Image der betroffenen Unternehmen nach sich zieht. Sofern Mißstände
durch symbolische Proteste der Umweltschutzorganisation erst einmal
in den Blickpunkt der öffentlichen Diskussion gerückt werden, kann davon
ausgegangen werden, daß die öffentliche Meinung dieses Engagement von
Greenpeace u.U. mit Boykotten entsprechender Produkte der kritisierten
Unternehmen quittiert, wie sich am Beispiel des Konfliktes mit Shell
anhand der Bohrinsel "Brent-Spar" gezeigt hat.