2. Konzeptionen
nachhaltiger Entwicklung
2.1 Problembeschreibung: Die ökologische Krise
Daß
die übermäßige Nutzung von Ressourcen in den Industrieländern auf Kosten
der Bevölkerung in der Dritten Welt und zukünftigen Generationen vonstatten
geht, ist unstrittig. Es hat sich herausgestellt, daß die vorherrschenden
Produktions- und Konsummuster der Industrieregionen aus ökologischer
Sicht fatale Konsequenzen nach sich gezogen haben. Inzwischen ist eine
weltweite ökologische und soziale Krise zu beklagen, deren Problemfelder
im folgenden kurz skizziert werden.
Angesichts der globalen ökologischen Krise
durch die zunehmende Umweltzerstörung, dem Abbau von Ressourcen und
der demographischen Entwicklung (Überbevölkerung) wird in allen Bereichen
des gesellschaftlichen Lebens die Notwendigkeit gesehen, verantwortungsbewußte
und vorausschauende Handlungen vorzunehmen, bzw. Eingriffe zu unterlassen,
um weitere Schädigungen zu vermeiden. Durch die Eingriffe des Menschen
in die natürliche Umwelt sind soziale und ökologische Kosten entstanden,
die einen Großteil der heutigen und nachfolgenden Generationen betreffen.
Gefordert wird "Nachweltschutz" und "Langzeitverantwortung"
(vgl. Klöpfer 1992, S. 11). Um diesen Postulaten gerecht zu werden,
wird das aus der Forstwirtschaft entnommene Prinzip der "Nachhaltigkeit"
auf zahlreiche Themenfelder übertragen und avanciert zum "Schlüsselwort"
der Öko-Debatte (vgl. Die Zeit vom 22.7.1994).
Die Verwendung dieses Begriffes
nimmt inzwischen inflationäre Züge an; das Leitprinzip der ursprünglichen
angelsächsischen Bezeichnung Sustainable-Development stellt einen schillernden
Begriff dar, der sich allmählich zu einer "Modedroge" der
Umweltdiskussion zu entwickeln scheint (vgl. Grießhammer 1994, S. 30).
Sogar die Chemieindustrie wirbt
inzwischen mit ganzseitigen Anzeigen "für eine neue Qualität des
Wachstums" durch "Sustainable Development" (vgl. Frankfurter
Rundschau vom 8.10.1994) und für den Chef von Hoechst stellt diese Aufgabe
gar ein "Schlüsselthema" seiner Unternehmensstrategie dar
(vgl. Daniels/Eglau/Vorholz 1994, S. 17). Die in der ökologischen Debatte
mit dem Nachhaltigkeitspostulat angelegten Ziele sind mit einem weitreichenden
Themenspektrum verbunden. Neben der Ressourcenschonung werden u.a. soziale
Fragen sowie globale Umweltprobleme diskutiert.
Ein aus philosophischer Sicht prägnanter
Aspekt liegt in der Frage der Konsequenzen, die sich aus der Nachhaltigkeitsdiskussion
für die ökologische Ethik und zukunftsethische Fragestellungen ergeben.
Weiterhin ist zu untersuchen, welche konkreten Maßnahmen verfolgt werden
können, um dem Postulat eine nachhaltige Entwicklung in der Praxis gerecht
zu werden.
Bevölkerungswachstum
Während die Geburtenrate in den Industrieländern stagniert bzw.
zurückgeht, steigt die Bevölkerung in der Dritten Welt massiv an. In
den letzten beiden Jahrzehnten ist ein Anstieg der Weltbevölkerung um
1,6 Milliarden Menschen zu verzeichnen; das sind mehr Bewohner als insgesamt
vor 90 Jahren auf unserem Planeten lebten (vgl. Worldwatch Institute
Report 1991, S. 10). Die Zahl der Bewohner auf der Erde hat sich seit
1950 von 2,5 Milliarden Menschen bis heute mehr als verdoppelt (vgl.
Steger 1988, S. 22). Aufgrund dieser Entwicklung ergeben sich Verteilungsprobleme;
Armut und Hunger in der Dritten Welt nehmen zu.
Globale Veränderungen der Erde
Bei der tropischen Waldfläche ist jährlich ein Schwund von 11 Milliarden
Hektar pro Jahr zu verzeichnen, der primär durch Luftverschmutzung,
Abholzung und "sauren" Regen verursacht ist (vgl. Brown/Flavin
1988, S. 16). Nach einer Studie des Worldwatch Institute werden jährlich
rund 11,4 Millionen Hektar Tropenholz abgeholzt, wobei nur etwa 10%
durch Wiederaufforstungsmaßnahmen wiederhergestellt wird (vgl. Simonis
1990, S. 18). Weltweit liegt der Bestand an Forstbrachen bei 5 Mill.
Quadratkilometer, wobei diese Fläche, die der Größenordnung Europas
entspricht, unwiederbringlich versteppt ist. (vgl. Schönwiese/Diekmann
1991, S. 84f). Der Waldbestand unseres Planeten nimmt pro Sekunde um
ca. 3000 m2 ab. Pro Jahr entspricht dieser Schwund etwa
dreimal der Fläche in der Größenordnung der Schweiz (vgl. von Weizsäcker
1990, S. 5). Allein in der Bundesrepublik sind mehr als die Hälfte aller
Baumarten geschädigt (vgl. Walletschek/Graw 1990, S. 53).
In Hinblick auf die fruchtbaren
Schichten landwirtschaftlicher Flächen gehen jährlich weit mehr Tonnen
verloren, als neu gebildet werden. Gründe dieser Entwicklungen liegen
u.a. in der Versumpfung und Versalzung, Bodenerosion und Urbanisation
(Siedlungsflächen und Straßenausbau). Durch Agrochemikalien wird der
Boden zusätzlich verunreinigt. Pflanzenschutzmittel gelangen in den
Nahrungskreislauf und sind in einer Reihe von Lebensmitteln nachzuweisen.
Der Anstieg der Schadstoffe innerhalb
der Gewässer nimmt aufgrund häuslicher und industrieller Abwässer zu,
da sie mit Fäkalien, Produktionsrückständen und anderen Schadstoffen
belastet sind. Die Verschmutzung der Meere und Küstengewässer erfolgt
außerdem durch die Abfallbeseitigung auf hoher See und Tankerunfälle.
Durch die Verunreinigungen nimmt der Sauerstoffgehalt ab, wodurch der
Fischbestand dezimiert wird.
In den Ländern China, Afrika, Indien
und Nordamerika fällt der unterirdische Wasserspiegel; inzwischen übersteigt
der Bedarf den Vorrat an Trinkwasser. Bis zum Jahr 2000 werden zunehmende
Wasserknappheiten prognostiziert.
Die großräumige Luftverschmutzung
durch Schadstoffe führt neben der Zerstörung von Bauwerken zu Klimaveränderungen,
sowie Gefährdungen von Tieren, Pflanzen und Menschen. Die Probleme resultieren
u.a. aus der Verfeuerung fossiler Brennstoffe. Die Verursacher der verschiedenen
Emissionen liegen primär im Bereich der Kraftwerke, Industrie, Haushalte
und Verkehr. Die höchsten Immissionen treten in den großstädtischen
Ballungsräumen, sowie den Industrieregionen auf.
Die weltweite Klimaveränderung resultiert
u.a. aus der Verbrennung fossiler Energieträger und den dadurch entstehenden
klimawirksamen Stoffen CO2, Methan und Distickstoff, die
in die Atmosphäre gelangen. Durch das Zusammenwirken mit den Emissionen
anderer chemischer Substanzen, z.B. FCKW, verändert sich die Gaszusammensetzung
der Atmosphäre; es kommt zu einer Aufheizung der Luft, die zu dem sogenannten
"Treibhauseffekt" führt, wodurch wiederum eine Erwärmung der
Erdoberfläche erfolgt. Die Ozonschicht in der Atmosphäre wird zunehmend
dünner.
Die übermäßige Ressourcennutzung
hat dazu geführt, daß die natürlich verfügbaren Ressourcen innerhalb
von ein bis zwei Generationen abgebaut werden, sofern die Abbaurate
im bisherigen Maßstab anhält. Der Abbau von Rohstoffen hat die Selbstreinigungs-
und Regulierungskräfte der natürlichen Umwelt bei weitem überschritten.
Das Müllvolumen in den Industrieländern
nimmt jährlich zu. Die natürliche Umwelt wird als Deponie für die Abfallmengen
aus Haushalten und der Industrie genutzt. Bei der Müllverbrennung entstehen
erhebliche Mengen an flüssigen Abfällen, etwa Schwermetalle und Dioxine,
die als Sondermüll eingestuft werden müssen.
Jedes Jahr sterben mehrere
tausend Pflanzen und Tierarten aus; in den nächsten 20 Jahren kann ein
Viertel aller Tierarten ausgelöscht sein (vgl. Brown/Flavin 1988, S.
16). Dem Zehnjahresbericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen
zufolge sind weltweit rund 25.000 Pflanzen- und mehr als 1.000 Tierarten
vom Aussterben bedroht. In der Bundesrepublik sind rund 50% aller Tierarten
und 30% aller einheimischen Pflanzenarten ausgestorben oder vom Aussterben
bedroht (vgl. Simonis 1990, S. 18).
Eine Untersuchung des Münchner Instituts
für Energieverbrauch kommt zu dem Ergebnis, daß die weltweite Energienutzung
in den letzten Jahrhunderten erheblich angestiegen ist. Während der
Verbrauch der Weltbevölkerung um 1650 bei ca. 100 Millionen Tonnen Steinkohleeinheiten
(SKE) lag, umfaßte der Anteil 100 Jahre später die doppelte Menge, um
1850 war der Verbrauch auf 500 Millionen Tonnen angestiegen. Danach
wurde die Verbrauchsrate in immer kürzeren Abständen verdoppelt, was
auch dem rapiden Anstieg der Weltbevölkerung zuzuschreiben ist. Inzwischen
verdoppelt sich der Energieverbrauch auf der Erde in weniger als 20
Jahren. Die Verteilung der Energiereserven fällt weltweit höchst unterschiedlich
aus. Durchschnittlich verbraucht jedes Mitglied unseres Planeten heute
rund 2 Tonnen SKE jährlich. Während der Anteil bei den US-Amerikanern
bei etwa 11 Tonnen SKE liegt, verbraucht der Bundesbürger rund 6 Tonnen
pro Jahr. Ein Bewohner in der Dritten Welt muß sich hingegen mit einer
halben Tonne SKE jährlich begnügen. Während die Industrieländer rund
80% aller Energieträger beanspruchen, liegt die Rate in den übrigen
Staaten bei rund 20%, wobei der Bevölkerungsanteil genau umgekehrt proportioniert
ist (vgl. Bauerschmidt 1990, S. 41f).
Viele der durch menschliche Eingriffe resultierenden Schäden in den
Naturhaushalt sind irreversibel und können die Lebensqualität gegenwärtiger
und nachfolgender Generationen negativ tangieren. Dazu gehören das Baum-
und Artensterben, die Verödung oder Vergiftung des Bodens, Grundwasserabsenkungen,
die ungeklärte Endlagerungsfrage nuklearer Abfallprodukte, gentechnische
Artenproduktionen, die Nutzung nicht erneuerbarer Ressourcen, Zerstörung
von Landschaften, Klimaveränderungen u.v.m..
Die Irreversibiltät kann schließlich
zu einem Wegfall ökologischer Funktionen führen.
Um
eine höhere Sensibilität für die ökologischen und daraus resultierenden
sozialen Probleme zu erreichen, soll die aus der Forstwirtschaft übernommene
Maxime der Nachhaltigkeit das ökologische Bewußtsein stärken und zu
effektiven Handlungskonzepten auffordern.