2.8
Exkurs: Rawls und die "Nachhaltigkeit"
Eine
zentraler Punkt innerhalb der Nachhaltigkeitsdiskussion liegt in der
Forderung nach der Erhaltung des natürlichen Kapitalstocks (vgl. Pearce
u.a. 1989, Karl 1992, Costanza 1992). Risikoaversive Vertreter würden
unter dem Schleier des Nichtwissens grundsätzlich den Erhalt des natürlichen
Kapitalstocks anstreben, um sicher zu sein, daß keine Generation benachteiligt
wird.
Analog dazu kann die Forderung von
Rawls (1979, S. 310ff) nach der Bereitstellung bedürfnisorientierter
Voraussetzungen interpretiert werden. In seinem liberalen Bedürfnisprinzip
sollen vor allem die Minderung von Armut unter den Bedingungen gleicher
Grundfreiheiten und Lebenschancen realisiert werden. Im Urzustand würde
der Theorie von Rawls zufolge auch über die Regeln der intertemporalen
Nutzung der Natur entschieden werden. Dieses Verfahren würde dazu führen,
daß Bedingungen für zukünftiges Leben nicht zerstört werden dürfen und
Optionen zum Erreichen des Zieles gewährleistet werden müßten. Für jede
Generation ergibt sich daraus konsequenterweise die Nachhaltigkeitsnorm,
die Naturgüter nicht in einem schlechteren Zustand zurückzulassen,
als man sie erhalten hat. Es muß also für alle Generationen gewährleistet
sein, daß sie die Möglichkeit des gleichen Zugangs zu dem natürlichen
Kapitalstock auf dem gleichen Qualitätsniveau haben.
In Bezug auf unsere Nachkommen sind
jedoch eine Reihe offener Fragen zu klären. Zum einen verfügen wir heute
nicht über die Kenntnis, welche konkreten Ansprüche und Präferenzen
zukünftige Generationen haben werden. Weiterhin besitzen wir keine Vorstellung
über die Lebensumstände und technischen Möglichkeiten unserer Nachkommen,
mit denen sie etwa ökologische Schäden beheben könnten. Offen ist außerdem,
wie weit der Verantwortungsbereich der heutigen Generationen reicht?
So fordert Henning (1991) daß die Erfüllung aller Funktionen eines ökologischen
Systems "potentiell unendlich" zu erhalten ist.