1. Aufgaben, Merkmale und Ziele der angewandten Ethik

1.1 Einleitung

Die angewandte Ethik oder Moralphilosophie wird als eine Disziplin verstanden, die sich im Verständnis einer "Krisenreflexion" (Riedel 1979) bei moralischen Entscheidungsproblemen mit Normen, Werten und Grundorientierungen des Menschen auseinandersetzt. Sie fungiert als Theorie des richtigen Handelns, entwickelt Kriterien und vermittelt eine Handlungsorientierung in moralische relevanten Entscheidungssituationen und dient letztlich der Handlungskoordination im Umgang mit anderen Menschen.
      Die normative Ethik erfüllt die Funktion, Prinzipien des moralisch (sittlich) richtigen und Guten zu ermitteln. Sie ist eine Theorie, die Normen aufstellt, die an Handlungen gebunden sind. Handlungsnormen beziehen sich auf Werte, die sich an gesellschaftlichen Wertvorstellungen orientieren und nicht die Aufgabe besitzen "absolute Wahrheiten" aufzustellen.
      Eine Unterscheidung zwischen "Ethik" und "Moral" wird in der Literatur nicht durchgängig vorgenommen. Im Verständnis dieses Bandes soll "Ethik" die gleiche Bedeutung wie "Moralphilosophie" einnehmen. Die Bezeichnung "Ethik" steht demzufolge ausschließlich für die philosophische Wissenschaft vom moralischen und sittlichen Handeln des Menschen.
      Moral bezieht sich auf das Tun oder Unterlassen von Handlungen; eine Handlung sollte nur dann ausgeführt werden, wenn sie "gut" oder erstrebenswert ist und dann unterlassen werden, wenn sie schlecht oder "böse" ist (vgl. Molitor 1989, S. 10). Sofern eine moralische Handlung oder Unterlassung auf andere Menschen gerichtet ist, handelt es sich um eine Sozialmoral, wogegen die Moral bei Fragen des Tuns oder Unterlassens gegen sich selbst, als Individualmoral bezeichnet wird (vgl. Rebstock 1988, S. 34).
      Die Ethik bezieht sich aufgrund ihrer Praxisorientierung immer auf Handlungen bzw. Unterlassungen einer Person oder Personengruppe.
      Frankena (1986) betont den in der Regel auftretenden Sozialbezug der moralischen Regeln. Zum einen bildet die Moral ein System, das die Beziehungen der gesellschaftlichen Individuen untereinander regeln soll. Zum anderen ist sie ein gesamtgesellschaftliches Instrument, das Forderungen an den einzelnen oder die Gruppe heranträgt (vgl. ebd., S. 25).
      Bei der Moralbegründung gelten nach Hoerster (1980) folgende Regeln:

    • Der Urteilende muß sich bei der Bildung und Begründung seines Urteils in einem emotionslosen Zustand befinden.
    • Das Urteil muß begrifflich klar formuliert werden.
    • Der Urteilende sollte Kenntnis aller relevanten Umstände für die Bildung des Urteils erhalten, um daraufhin Handlungsalternativen entwickeln zu können.
    • Sein Urteil muß in allen Fällen angewendet werden, die vergleichbare relevante Faktoren aufweisen (vgl. ebd., S. 195f.).  

Die Ethik reflektiert ihre Formen und Prinzipien ohne Berufung auf politische und religiöse Autoritäten oder in Bezug auf althergebrachte Gewohnheiten. Tugendhat (1984) lehnt daher eine autoritäre, etwa "gottgegebene" Moral ab; er fordert  eine "rationale Moral", der  dann zuzustimmen ist, wenn sie "gleichermaßen gut für alle ist" (vgl. ebd., 1984, S. 94f.).
      Ethische Aussagen orientieren sich am guten und gerechten Handeln und sind begründungsbedürftig  (vgl. Höffe 1986, S. 54). Diese Begründungen lassen sich weder im Alltag noch auf der als normativ-ethischen Ebene der Moralphilosophie in demselben Maße wissenschaftlich nachvollziehen wie die Urteile der logisch-mathematischen oder empirischen Wissenschaften. In diesem Sinne gibt es in der Ethik keine "objektiven Werte" (Mackie 1981, S. 131). Moralische Werte  besitzen nur eine intersubjektive Gültigkeit.
      Die normative Ethik erfüllt die Funktion, Prinzipien des moralisch (sittlich) Richtigen und Guten zu ermitteln. Sie ist eine Theorie, die Normen aufstellt, die an Handlungen gebunden sind (vgl. Birnbacher/Hoerster (Hg.) 1984, S. 10). Daneben beschäftigt sich die deskriptive Ethik mit der Frage, welche moralischen Überzeugungen den Menschen zugrundeliegen, während sich die Metaethik mit den Methodenfragen der normativen Ethik und der Bedeutung moralischer Ausdrücke auseinandersetzt. "Das Verhältnis der normativen Ethik zur Metaethik entspricht in etwa dem Verhältnis der Einzelwissenschaft zur Wissenschaftstheorie" (vgl. Nida-Rümelin 1990, S. 85).
      Normen gelten als Zielvorstellungen oder "Richtschnur des Handelns" (Pelgrom de Haas 1989, S. 25). Für die ethischen Normen gilt dabei das Prinzip der Allgemeingültigkeit (Universalisierung, das unabhängig von speziellen Situationen, Religionen oder Zeiträumen einen allgemeine Gültigkeit besitzen sollte.
      Dabei wird nicht nur die universale Geltung, sondern auch ihre universale Anerkennung vorausgesetzt. Moralische Aussagen besitzen dann universale Geltung, wenn sie für alle Menschen gelten, die unter vergleichbaren Voraussetzungen und in vergleichbaren Situationen handeln (vgl. Rebstock 1988, S. 36).
      Moralischen Normen wird eine "Sollensforderung" zugrundegelegt. Sie beziehen sich daher immer auf zukünftige Handlungen oder Zustände. Moralische Werturteile hingegen können sich jedoch auch auf die Vergangenheit oder Gegenwart beziehen (vgl. Birnbacher 1988, S. 93). 
      Handlungsnormen beziehen sich in der Ethik stets  auf Werte, die jedoch keine absoluten Wahrheiten aufstellen, sondern sich an den gesellschaftlichen Wertvorstellungen orientieren.
      Daher ist die Existenz der Werte immer davon abhängig, ob sie erkannt und gefordert werden, sie sind nicht "a priori" gegeben. Welche Werte tatsächlich gesellschaftlich relevant sind, hängt von ihrer subjektiven Geltung der Personen oder Personengruppen ab.
      Während Werte nur eine Orientierung für das menschliche Zusammenleben sein können, stehen Normen in einem direkten Handlungsbezug. Da Normen und Werte in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten nicht nur unterschiedliche Ausprägungen besitzen, sondern sich auch innerhalb einer gesellschaftlichen Gruppe aufgrund neuer Erkenntnisse wandeln können, müssen moralische Urteile aufgrund neuer Argumente revidiert werden können
.

Prometheus Online

zurück
Inhalt
weiter

zurück   Inhalt   weiter

 
© Prometheus Online 2000