1.5.3 Wirtschaftsethik

Es läßt sich feststellen, daß in den letzten Jahren eine Fülle an Veröffentlichungen, Tagungen und Institutionen zum Thema "Wirtschaftsethik" zu verzeichnen ist. Die Wirtschaftsethik besitzt bezüglich der Unternehmensethik eine übergeordnete Funktion, da sie neben dem wirtschaftlichen Handeln auch staatliches Handeln einbezieht (vgl. Höffe (Hg.) 1986, S. 282). Aufgrund "ethischer Defizite" der Wirtschaft ist sie notwendig geworden. Einige Negativbeispiele liefern die Rheinchemie, die durch die Einbringung ihrer Giftstoffe in den Rhein die Gewässer verschmutzte, und die Vielzahl der Lebensmittelskandale (vgl. Steinmann/Löhr 1988, S. 299).
      Kieffer (1988) vergleicht die zunehmende Thematisierung ökologischer Probleme mit der sozialen Frage der gewerkschaftlichen Mitbestimmung.
      Daher kann die Berücksichtigung der ökologischen und sozialen Nebenwirkungen wirtschaftlichen Handelns nur durch die Einbeziehung der Ethik gewährleistet werden (vgl. Kuhn 1990, S. 1f.).
      Diese Auffassung teilt auch Ziegler, indem er der Wirtschaftsethik, als der Lehre vom "gutgemeinten und sachlich richtigen wirtschaftlichen Handeln", die Funktion zuschreibt, Regeln für die sparsame Verwendung knapper Mittel aufzustellen (vgl. Ziegler 1987, S. 14ff.).
      Eine Aufgabe der Unternehmensethik besteht darin, Nebenwirkungen vorausschauend zu bemerken (vgl. Schauenburg 1991, S. 2) und sich mit Fragen der Güterabwägung bei konkurrierenden Ansprüchen auseinanderzusetzen (vgl. Homann/Suchanek 1987, S. 102).
      Dabei besteht die entscheidende Aufgabe der Wirtschaftsethik nicht darin, Moralprinzipien zu begründen und zu entwickeln, denen sich die Wirtschaft unterzuordnen hat, vielmehr soll im Sinne einer praktischen Handhabung dargelegt werden, wie ökonomische und moralische Normen miteinander vereinbart werden können (vgl. Meran 1987, S. 35).
      Der Aspekt der Freiwilligkeit unternehmerischen Handelns bezüglich einer ethischen Orientierung wird von Lay (1989) formuliert.

"Das ethisch-orientierte Handeln besteht in einer zusätzlichen Leistung, die über die der Vertragsgerechtigkeit geforderte erbracht wird" (ebd., S. 16).

Darunter subsumiert Lay Umweltschutzmaßnahmen, die  beispielsweise durch den Produktionsverzicht von ethisch nicht verantwortbaren Gütern zum Ausdruck kommen.

Aufgrund der negativen Effekte, die das Unternehmen verursacht, trägt es auch die Verantwortung für sein Handeln oder Unterlassen, auch wenn die negativen Konsequenzen etwa im Bereich der Luftverschmutzung oder bei der Lagerung von Abfällen erst für zukünftige Generationen zum Tragen kommen werden. In diesem Zusammenhang ist zu konstatieren, daß ethische Anforderungen, die darin bestehen, die Interessen zukünftiger Generationen stärker zu berücksichtigen, zu einer Überforderung der Akteure in der unternehmerischen Praxis führen können.

Dierkes und Zimmermann (1991) verweisen auf die  Kategorien der sozial-ökonomischen Verantwortung der Unternehmen, die vom Commitee for Economic Development bereits 1971 festgelegt wurden. Demnach umfaßt der innere Verantwortungsbereich sowohl die Erfüllung der ökonomischen Funktion als auch die Einhaltung der bestehenden Gesetze. Die zweite Stufe des Verantwortungsbereichs umfaßt die Berücksichtigung der negativen Effekte durch das Unternehmen. Als Beispiele nennen die Autoren die Verpflichtung, an der Beseitigung der Jugendarbeitslosigkeit mitzuwirken, sowie auf eine stärkere Integration von Frauen ins Management hinzuwirken (vgl. Dierkes/Zimmermann 1991, S. 21).

In der Übernahme der intentionalen Verantwortung für die Produkte und Dienstleistungen sieht Rebstock (1988) den entscheidenden Wert unternehmerischen Handelns. Daraus leitet er folgende Norm ab:

"Unternehmungen sollten ein Höchstmaß an Vertrauen in die von ihnen angebotenen Leistungen schaffen und dauerhaft rechtfertigen" (ebd., S. 155).

Die philosophische Disziplin der "Wirtschaftsethik" versucht, eine ethische Reflexion wirtschaftlichen Handelns zu bewerkstelligen. Sie geht davon aus, daß die pure Marktakzeptanz kein alleiniges Kriterium zur verantwortlichen Entscheidungsfindung darstellt.
      Ökonomische Entscheidungen unterliegen unterschiedlichen koexistierenden Überzeugungen und Interessen. Wirtschaftlich-technisches Handeln kann ungewollte Nebenfolgen bewirken. Als zentrale Kategorien für moralisch-adäqatisches Wirtschaftshandeln werden u.a. die Verantwortung für Mensch und Umwelt sowie die Schonung knapper Ressourcen gefordert.
      Spezifische Besonderheiten der Wirtschaftsethik liegen darin, daß die bereits skizzierte Prinzipienorientierung der Ethik im ökonomischen Kontext durch eine Problemorientierung ergänzt  werden sollte. Formale (universelle) und materielle (situative) Prinzipien werden in die Wirtschaftsethik integriert, um differenziert und situationsspezifisch entscheiden zu können.

Ebenen der Wirtschaftsethik

Insgesamt können drei Ebenen der Wirtschafts- bzw. Unternehmensethik unterschieden werden. Auf der Makroebene rücken  das Tun und Unterlassen des Staates bzw. der Wirtschaftssysteme in den Blick, während auf der Mesoebene Unternehmen und Korporationen untersucht werden. Auf der Mikroebene schließlich werden Fragen des individuell richtigen Handelns im ökonomischen Lebensbereich problematisiert.

Ansätze

Bei der Orientierung an "diskursethischen Prinzipien steht die rationale Konsensfindung, das Mitspracherecht und die Partizipation der Kunden und Mitarbeiter im Zentrum des Interesses. Das Ziel einer diskursiven Verfahrenskonzeption liegt darin, die "normative Kraft der kommunikativen Ethik" auf der politisch pragmatischen Ebene der Verbesserung der institutionellen und personellen Voraussetzungen rationaler Verständigungsprozesse zur Geltung zu bringen". Statt vorgefertigter Lösungen durch das Management sind Verständigungsprozesse vorgesehen.

  • Der sozioökonomische Ansatz nach Etzioni - einem der bekanntesten Vertreter des "Kommunitarismus" (Gemeinwohlansatz) - problematisiert Handlungsmotive, die nicht nur den Eigennutz, sondern auch moralische Grundhaltungen und die Verinnerlichung von Werthaltungen zugrundelegen, um  individualethischer Kompetenzen zu fördern.
  • Der pragmatischer Ansatz plädiert für eine Umsetzung in Hochschulausbildung und auf Unternehmensebene. Dabei wird die Entwicklung und von Fällen moralischen und unmoralischen  Verhaltens analysiert. Fallsammlungen gängiger - moralisch fragwürdiger -  Geschäftspraktiken sollen dazu führen,  alternativer Konzepte zu entwickeln. Die Analyse akuter Einzelprobleme kann z.B. die Verpflichtung multiliberaler Konzerne gegenüber der dritter Welt reflektieren.
  • Der sozialethische Ansatz versucht einen  Ausgleich zwischen invividueller Freiheit und sozialer Verantwortung zu schaffen. Der Fokus liegt hier bei dem Mensch als Sozialwesen, der sich dem  Solidarprinzip verpflichtet fühlt.

Bereichsethiken innerhalb der Wirtschaftsethik

  • Die "Marketingethik", bei normative Leitlinien der Werbung und Öffentlichkeitsarbeit einbezogen werden, sollen    kommunikationspolitische Maßnahmen reflektiert werden. Das Marketing zielt auf das Verständnis der Umworbenen. Die Verantwortung für Produkt und Werbestrategie wird ebenso thematisiert wie die Legitimiät ggf. nicht vertretbarer Produkte. Die Kommunikationspolitik beschäftigt sich mit der  Wahrheit von Werbebotschaften, und plädiert für die Wahrung des lauteren Wettbewerbes.
  • Die "Managementethik" beschreibt das Dilemma zwischen unternehmerischen und moralischem Handeln, die ggf. widersprüchliche Ziele haben. Die Verantwortung für die Arbeitsplätze der eigenen Mitarbeiter kann dabei ebenso eine Rolle spiele, wie Selbstbeschränkungen im Bereich des freiwilligen Umweltschutzes. Eine Änderung von Geschäftspraktiken bei nicht akzeptablen Produkten kann sich u.U. daraus ergeben. Die Erhaltung von Arbeitsplätzen und die  Rentabilität des Unternehmens können dabei in einen Zielkonflikt geraten.
  • Innerhalb der "Führungsethik" erfolgt eine Evaluierung, welche Werte für Mitarbeiter verbindlich gemacht werden können. Die Identifizierung mit dem Unternehmen spielt dabei eine zentrale Rolle. Grundsätzlich ist der Abbau hierarchischer Strukturen vorgesehen.
  • Die "Ethik ökonomischer Entscheidungsfindung" bezieht sich unter anderem auf das Handeln unter Risiko und rechnet mit unbekannten Größen, Prognosen und  Nebenwirkungen ökonomischen Handelns.

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