Es
läßt sich feststellen, daß in den letzten Jahren eine Fülle an Veröffentlichungen,
Tagungen und Institutionen zum Thema "Wirtschaftsethik" zu
verzeichnen ist. Die Wirtschaftsethik besitzt bezüglich der Unternehmensethik
eine übergeordnete Funktion, da sie neben dem wirtschaftlichen Handeln
auch staatliches Handeln einbezieht (vgl. Höffe (Hg.) 1986, S. 282).
Aufgrund "ethischer Defizite" der Wirtschaft ist sie notwendig
geworden. Einige Negativbeispiele liefern die Rheinchemie, die durch
die Einbringung ihrer Giftstoffe in den Rhein die Gewässer verschmutzte,
und die Vielzahl der Lebensmittelskandale (vgl. Steinmann/Löhr 1988,
S. 299).
Kieffer (1988) vergleicht die zunehmende
Thematisierung ökologischer Probleme mit der sozialen Frage der gewerkschaftlichen
Mitbestimmung.
Daher kann die Berücksichtigung
der ökologischen und sozialen Nebenwirkungen wirtschaftlichen Handelns
nur durch die Einbeziehung der Ethik gewährleistet werden (vgl. Kuhn
1990, S. 1f.).
Diese Auffassung teilt auch Ziegler,
indem er der Wirtschaftsethik, als der Lehre vom "gutgemeinten
und sachlich richtigen wirtschaftlichen Handeln", die Funktion
zuschreibt, Regeln für die sparsame Verwendung knapper Mittel aufzustellen
(vgl. Ziegler 1987, S. 14ff.).
Eine Aufgabe der Unternehmensethik
besteht darin, Nebenwirkungen vorausschauend zu bemerken (vgl. Schauenburg
1991, S. 2) und sich mit Fragen der Güterabwägung bei konkurrierenden
Ansprüchen auseinanderzusetzen (vgl. Homann/Suchanek 1987, S. 102).
Dabei besteht die entscheidende
Aufgabe der Wirtschaftsethik nicht darin, Moralprinzipien zu begründen
und zu entwickeln, denen sich die Wirtschaft unterzuordnen hat, vielmehr
soll im Sinne einer praktischen Handhabung dargelegt werden, wie ökonomische
und moralische Normen miteinander vereinbart werden können (vgl. Meran
1987, S. 35).
Der Aspekt der Freiwilligkeit unternehmerischen
Handelns bezüglich einer ethischen Orientierung wird von Lay (1989)
formuliert.
"Das
ethisch-orientierte Handeln besteht in einer zusätzlichen Leistung,
die über die der Vertragsgerechtigkeit geforderte erbracht wird"
(ebd., S. 16).
Darunter
subsumiert Lay Umweltschutzmaßnahmen, die beispielsweise durch den
Produktionsverzicht von ethisch nicht verantwortbaren Gütern zum Ausdruck
kommen.
Aufgrund der negativen Effekte, die das Unternehmen verursacht, trägt
es auch die Verantwortung für sein Handeln oder Unterlassen, auch wenn
die negativen Konsequenzen etwa im Bereich der Luftverschmutzung oder
bei der Lagerung von Abfällen erst für zukünftige Generationen
zum Tragen kommen werden. In diesem Zusammenhang ist zu konstatieren,
daß ethische Anforderungen, die darin bestehen, die Interessen zukünftiger
Generationen stärker zu berücksichtigen, zu einer Überforderung der
Akteure in der unternehmerischen Praxis führen können.
Dierkes und Zimmermann (1991) verweisen auf die Kategorien der sozial-ökonomischen
Verantwortung der Unternehmen, die vom Commitee for Economic Development
bereits 1971 festgelegt wurden. Demnach umfaßt der innere Verantwortungsbereich
sowohl die Erfüllung der ökonomischen Funktion als auch die Einhaltung
der bestehenden Gesetze. Die zweite Stufe des Verantwortungsbereichs
umfaßt die Berücksichtigung der negativen Effekte durch das
Unternehmen. Als Beispiele nennen die Autoren die Verpflichtung, an
der Beseitigung der Jugendarbeitslosigkeit mitzuwirken, sowie auf eine
stärkere Integration von Frauen ins Management hinzuwirken (vgl. Dierkes/Zimmermann
1991, S. 21).
In der Übernahme der intentionalen Verantwortung für die Produkte und
Dienstleistungen sieht Rebstock (1988) den entscheidenden Wert unternehmerischen
Handelns. Daraus leitet er folgende Norm ab:
"Unternehmungen
sollten ein Höchstmaß an Vertrauen in die von ihnen angebotenen
Leistungen schaffen und dauerhaft rechtfertigen" (ebd.,
S. 155).
Die
philosophische Disziplin der "Wirtschaftsethik" versucht,
eine ethische Reflexion wirtschaftlichen Handelns zu bewerkstelligen.
Sie geht davon aus, daß die pure Marktakzeptanz kein alleiniges Kriterium
zur verantwortlichen Entscheidungsfindung darstellt.
Ökonomische Entscheidungen unterliegen
unterschiedlichen koexistierenden Überzeugungen und Interessen. Wirtschaftlich-technisches
Handeln kann ungewollte Nebenfolgen bewirken. Als zentrale Kategorien
für moralisch-adäqatisches Wirtschaftshandeln werden u.a. die Verantwortung
für Mensch und Umwelt sowie die Schonung knapper Ressourcen gefordert.
Spezifische Besonderheiten der Wirtschaftsethik
liegen darin, daß die bereits skizzierte Prinzipienorientierung der
Ethik im ökonomischen Kontext durch eine Problemorientierung ergänzt
werden sollte. Formale (universelle) und materielle (situative) Prinzipien
werden in die Wirtschaftsethik integriert, um differenziert und situationsspezifisch
entscheiden zu können.
Ebenen der Wirtschaftsethik
Insgesamt können drei Ebenen der Wirtschafts- bzw. Unternehmensethik
unterschieden werden. Auf der Makroebene rücken das Tun und Unterlassen
des Staates bzw. der Wirtschaftssysteme in den Blick, während auf der
Mesoebene Unternehmen und Korporationen untersucht werden. Auf der Mikroebene
schließlich werden Fragen des individuell richtigen Handelns im ökonomischen
Lebensbereich problematisiert.
Ansätze
Bei
der Orientierung an "diskursethischen Prinzipien steht die rationale
Konsensfindung, das Mitspracherecht und die Partizipation der Kunden
und Mitarbeiter im Zentrum des Interesses. Das Ziel einer diskursiven
Verfahrenskonzeption liegt darin, die "normative Kraft der kommunikativen
Ethik" auf der politisch pragmatischen Ebene der Verbesserung der
institutionellen und personellen Voraussetzungen rationaler Verständigungsprozesse
zur Geltung zu bringen". Statt vorgefertigter Lösungen durch das
Management sind Verständigungsprozesse vorgesehen.
- Der sozioökonomische
Ansatz nach Etzioni - einem der bekanntesten Vertreter des "Kommunitarismus"
(Gemeinwohlansatz) - problematisiert Handlungsmotive, die nicht nur
den Eigennutz, sondern auch moralische Grundhaltungen und die Verinnerlichung
von Werthaltungen zugrundelegen, um individualethischer Kompetenzen
zu fördern.
- Der pragmatischer
Ansatz plädiert für eine Umsetzung in Hochschulausbildung und auf
Unternehmensebene. Dabei wird die Entwicklung und von Fällen moralischen
und unmoralischen Verhaltens analysiert. Fallsammlungen gängiger
- moralisch fragwürdiger - Geschäftspraktiken sollen dazu führen,
alternativer Konzepte zu entwickeln. Die Analyse akuter Einzelprobleme
kann z.B. die Verpflichtung multiliberaler Konzerne gegenüber der
dritter Welt reflektieren.
- Der sozialethische
Ansatz versucht einen Ausgleich zwischen invividueller Freiheit und
sozialer Verantwortung zu schaffen. Der Fokus liegt hier bei dem Mensch
als Sozialwesen, der sich dem Solidarprinzip verpflichtet fühlt.
Bereichsethiken
innerhalb der Wirtschaftsethik
- Die "Marketingethik",
bei normative Leitlinien der Werbung und Öffentlichkeitsarbeit einbezogen
werden, sollen kommunikationspolitische Maßnahmen reflektiert werden.
Das Marketing zielt auf das Verständnis der Umworbenen. Die Verantwortung
für Produkt und Werbestrategie wird ebenso thematisiert wie die Legitimiät
ggf. nicht vertretbarer Produkte. Die Kommunikationspolitik beschäftigt
sich mit der Wahrheit von Werbebotschaften, und plädiert für die
Wahrung des lauteren Wettbewerbes.
- Die "Managementethik"
beschreibt das Dilemma zwischen unternehmerischen und moralischem
Handeln, die ggf. widersprüchliche Ziele haben. Die Verantwortung
für die Arbeitsplätze der eigenen Mitarbeiter kann dabei ebenso eine
Rolle spiele, wie Selbstbeschränkungen im Bereich des freiwilligen
Umweltschutzes. Eine Änderung von Geschäftspraktiken bei nicht akzeptablen
Produkten kann sich u.U. daraus ergeben. Die Erhaltung von Arbeitsplätzen
und die Rentabilität des Unternehmens können dabei in einen Zielkonflikt
geraten.
- Innerhalb der
"Führungsethik" erfolgt eine Evaluierung, welche Werte für
Mitarbeiter verbindlich gemacht werden können. Die Identifizierung
mit dem Unternehmen spielt dabei eine zentrale Rolle. Grundsätzlich
ist der Abbau hierarchischer Strukturen vorgesehen.
- Die "Ethik
ökonomischer Entscheidungsfindung" bezieht sich unter anderem
auf das Handeln unter Risiko und rechnet mit unbekannten Größen, Prognosen
und Nebenwirkungen ökonomischen Handelns.