1.5.1 Risikoethik

Risiken umfassen sowohl Planungen auf der individuellen Ebene bei biographischen Entscheidungen (z.B. Partnerwahl), individuellen Lebensgewohnheiten (z.B. Motorradfahren, Rauchen), aber auch bei kollektiven Entscheidungsprozessen etwa in Form der Inbetriebnahme von technischen Anlagen (z.B. Atomkraftwerke).
      Es ist nicht möglich, sich Risiken zu entziehen. Selbst derjenige, der nichts tut, riskiert einiges, wie Ott (1994, S. 5/20) plastisch darstellt:

"Wer technisch handelt oder entscheidet, muß etwas riskieren. Wer am Computer schreibt, riskiert Augenschäden. Wer nicht am Computer schreibt, riskiert die Karriere. Wer gegen die Technologie argumentiert, riskiert Arbeitsplätze. Wer jedes Wagnis meidet, riskiert, daß ihm im Leben einiges entgeht."

Paradoxerweise reflektiert ein Risiko etwas, das noch nicht eingetreten ist, "das eigentümliche Anwesendsein von Abwesendem" (Rehmann-Sutter 1998, S. 74). Die möglichen Konsequenzen riskanter Entscheidungen ergeben sich erst zu einem späteren Zeitpunkt, wobei der Modus der Potentialität (Wahrscheinlichkeit) eine entscheidende Rolle für das Eintreten oder Nicht-Eintreten eines Schadens darstellt.
      Die Angst vor Risiken in weiten Teilen der Bevölkerung ist verbreitet, obwohl die Menschen noch nie so sicher gelebt haben wie in modernen hochindustriellen Gesellschaften, in denen auch die Lebenserwartung ständig zunimmt (vgl. Bonß 1996).
      Dennoch hat sich eine Qualität moderner Risiken herauskristallisiert, die im Eintrittsfall dramatische  Dimensionen annehmen kann. Die zunehmende Komplexität technischer und organisatorischer Systeme bildet für Perrow (1987) die Grundlage seiner Prognose, daß durch diese Strukturmerkmale zwangsläufig Katastrophenszenarien zu erwarten sind. Diese Befürchtung hat sich leider bewahrheitet. Dramatische Störfälle, die nicht mit dem Namen der Verursacher, sondern mit den Orten, an denen sie sich ereigneten, klassifiziert wurden, sorgten dafür, daß u.a. Bophal, Harrisburg und Tschernobyl als Synonym für die katastrophalen und z.T. irreversiblen Folgen technischen Handelns in das Bewußtsein der Bevölkerung rückten. Diese Großunfälle sind zum Symbol von Katastrophenphänomenen avanciert, die in der öffentlichen Diskussion für Angst und Unsicherheit sorgten und Zweifel an den Möglichkeiten technischen Handelns offenbarten.
      Der Terminus "Risiko" wird im üblichen Sprachgebrauch vorwiegend mit negativen Assoziationen verknüpft. Risiken sind in der Regel zu minimieren und gelten als ungewünschte Faktoren, die vermeintlich oder tatsächlich in Kauf genommen werden müssen, um Stillstand zu vermeiden und Fortschritt zu erzielen.  Dem gegenüber existiert auch ein positiv bewerteter Risikobegriff. In diesem Kontext wird dann von Risikofreudigkeit gesprochen, die mit Begriffen wie Mut, Tatendrang, Durchsetzungsfähigkeit, Gewinn und Innovation in Verbindung gebracht wird, um die potentiellen Chancen womöglich riskanter Entscheidungen in den Fokus zu heben und sie damit zu legitimieren. In diesem Kontext fungiert Risiko als Rohstoff und Produktionsfaktor nach dem Motto "Wer wagt, gewinnt" (vgl. Wulf 1996).
      Versucht man das Phänomen "Risiko" zu definieren, so ist damit die Möglichkeit eines Schadens oder Verlustes als Folge eines Ereignisses (z.B. Erdbeben) oder einer Handlung (z.B. Errichtung einer großtechnischen Anlage) verbunden (vgl. Jungermann/Slovic 1993). Aus der Unsicherheit künftiger Zustände wird aufgrund des potentiellen Eintretens eines Schadens der Wahrscheinlichkeitsfaktor abgeleitet.
Im Gegensatz zur Gefahr enthält das Risiko einen Aspekt von Entscheidungen.
      Luhmann (1993) zufolge liegt ein Risiko dann vor, wenn ein potentieller Schaden wegen eines zu bestimmenden Vorteils in Kauf genommen wird. Es liegt also eine Abwägung im Verständnis einer Technikfolgenabschätzung vor. Die Risikobewertung ist mit Entscheidungen verknüpft, die eine Zurechnung von Gewinn, Verlust, Vor- und Nachteilen nach sich ziehen. Gefahren werden zum Risiko, sofern man eine Kenntnis über die zu erwarteten Folgen besitzt. Luhmann führt das Beispiel an, daß die Gefahr einer Erdbebenkatastrophe dann zum Risiko avanciert, sobald man sich im Erdbebengebiet niederläßt, und sich der Risiken bewußt ist.
      Risikobeschreibungen entscheiden, so Lau (1991) u.a.  über die Größe und Lokalisierung der Gruppe der Betroffenen, die intergenerative Betroffenheit durch Risiken, die Eintrittswahrscheinlichkeit von Gefährdungen und Katastrophen sowie die Kosten von Risiken. Dazu gehören nicht nur monetäre, sondern auch soziale Kosten, zu denen auch die Angst vor Risiken gerechnet werden kann.
      Im Rahmen der Risikodebatte wird oftmals übersehen, daß gerade im individuellen zwischenmenschlichen Bereich erhebliche Risiken eingegangen werden, die als solche kaum reflektiert werden. Die Herauslösung des Menschen aus etablierten sozialstrukturellen und kulturellen Milieus haben einen fundamental anderen Blick auf Unsicherheit als in vormodernen Gesellschaften etabliert.

Risiken individueller Planungsentscheidungen

Bei individuellen biographischen Entscheidungen spielen wahrscheinlichkeitsgestützte rationale Entscheidungen in der Regel eine untergeordnete  Rolle. Solche  Einzelfallentscheidungen auf der Basis emotionaler Gefühlsregungen, die die Partnerwahl, Lebensform und den Kinderwunsch betreffen, bieten nur wenig gesicherte Bezugserwartungen. Solche riskanten Entscheidungen der eigenen Biographie werden nicht als rationale Entscheidung einer Kosten-Nutzen-Kalkulation auf Wahrscheinlichkeitsbasis getroffen, da die Entscheidungsfolgen nicht festgelegt und kaum prognostiziert werden können (vgl. Halfmann 1996).
      In der Moderne haben Individualisierungsprozesse dazu geführt, daß riskante biographische Entscheidungen in den eigenen Zuständigkeitsbereich des Individuums fallen. Unter Individualisierung wird Beck (1986) zufolge eine Herauslösung aus historisch vorgegebenen Sozialformen und -bindungen hinsichtlich traditioneller Herrschafts- und Versorgungszusammenhänge verstanden (Freisetzungsdimension). Es ist ein Verlust an traditionellen Sicherheiten hinsichtlich leitender Normen und Glaubensvorstellungen (Entzauberungsdimension) zu verzeichnen sowie eine neue Art sozialer Wiedereinbindung (Kontroll- bzw. Reintegrationsdimension).
      Individualisierungsprozesse in der Moderne beinhalten erhebliche Konsequenzen für die Familienentwicklung und Partnerschaftsprozesse. Beck-Gernsheim (1992) zufolge wird Individualisierung als ein gesellschaftlich-historischer Prozeß klassifiziert, aus dem sich neue Versorgungsbezüge entwickeln können, die zumindest im Privatleben stärker auf freiwilligen Arrangements basieren, obwohl berufliche Zwänge und Abhängigkeiten nach wie vor zu konstatieren sind. Diese Veränderung kann sowohl als Chance autonomer Entscheidungsoptionen interpretiert werden; sie impliziert gleichzeitig den Verlust von klaren Ordnungsbezügen.
      Durch die daraus resultierenden Entscheidungsfreiheiten ergeben sich zugleich riskante Entscheidungszwänge, die eine Wahl der Individuen in bezug auf ihre Lebensgestaltung erforderlich machen. Beck zeigt auf, daß die Biographie des einzelnen aus den vorgegebenen Fixierungen herausgelöst wird und dadurch der Anteil der Eigenverantwortung zunimmt. Der einzelne begreift sich als "Planungsbüro" individueller Entscheidungen, wodurch auch riskante Entscheidungen hinsichtlich des eigenen Lebenszusammenhangs "selbstreflexiv" erfolgen. Im familiären Kontext ergeben sich unterschiedliche Optionen, die unter der Bezeichnung "Pluralisierung der Lebensformen" subsumiert werden können (vgl. Schicha 1996). Die Individuen stehen zunächst vor einer offenen, ungewissen Zukunft und sind gezwungen, selbständig über biographische Veränderungen zu entscheiden. Es werden ihnen Perspektiven hinsichtlich ihrer Lebensgestaltung ermöglicht; sie sind jedoch zugleich Zwängen ausgesetzt, sich für eine bestimmte Lebensform zu entscheiden. Die Individuen sind in der Lage, ihre Biographie selbständig und ohne vorgegebene Glaubenssätze, Werte und Regeln zu gestalten, wobei dennoch ein Netzwerk von institutionellen Zwängen Einfluß nimmt. Individualisierungsprozesse sind von gesellschaftlichen Vorgaben und Rahmenbedingungen abhängig, die auf die Individuen einwirken und können nicht einseitig als eine Chance autonomer Selbstverwirklichung verstanden werden. Beck konstatiert, daß die Individualisierung ebenso einen Zwang bedeutet, die eigene Biographie unter den Bedingung der sozialstaatlichen Vorgaben im Rahmen des persönlichen Risikos selbständig zu gestalten. Becks These zufolge nimmt die menschliche Handlungsautonomie einen immer größeren Raum ein. Innerhalb der Risikogesellschaft begreifen sich die Akteure in ihrer Lebenswelt nicht mehr als "Marionettentheater eines allmächtigen Gottes", sondern die Welt wird durch menschliches Handeln als veränderbar begriffen, in der Strukturen durch Handeln bewußt zur Disposition gestellt werden.
      Dennoch verspricht die Befreiung aus traditionellen Netzwerken keine absolute Freiheit und Handlungsautonomie. Nach wie vor existieren strukurelle Zwänge. Die gesellschaftliche Schichtzugehörigkeit beeinflußt nach wie vor die spezifischen Lebensvoraussetzungen und Wahloptionen.
      Neben den Risiken der biographischen Planungsentscheidungen werden im folgenden Formen der risikospezifischen individuellen Lebensweise sowie kollektive Risiken diskutiert.

Risikotypen

Es lassen sich Renn (1991) zufolge unterschiedliche Risikotypen klassifizieren:

1. Kollektive (unfreiwillige) Risiken:

  • Risiko als drohende Gefahr (Damoklesschwert). Dazu gehören u.a. großtechnische Einrichtungen, Kernkraftwerke und Chemieanlagen.
  • Risiko als schleichende Gefahr (Büchse der Pandora). Als Beispiele fungieren das Waldsterben oder die Verseuchung der Gewässer.
  • Risiko als Schicksalsschlag. Hierzu werden Naturereignisse wie Erdbeben oder Krankheiten gezählt, denen man nur bedingt ausweichen kann.

2. Individuelle (z.T. freiwillig gewählte) Risiken:

  • Risiko als Glücksspiel. Darunter wird z.B. der Handel mit Aktien subsumiert.
  • Risiko als Freizeitspaß. Hierbei sind riskante Sportarten wie das Bungeespringen angesprochen, die keinen direkten Nutzengewinn nach sich ziehen. Hierbei steht der "Spaß an der Freud", das Bedürfnis nach einem "Kick" im Vordergrund der Akteure, die sich solchen Risiken freiwillig aussetzen.

3. Darüber hinaus sind weitere Risiken zu nennen:

  • Risiko aus Lust und Bequemlichkeit. Dazu gehört die "unsolide Lebensweise" (u.a. ungesunde Ernährung, mangelnde Bewegung) aus der Krankheiten entstehen können.
  • Risiko und Sucht. Hierzu wird die Einnahe von Drogen in Form von Alkohol, Zigaretten und Medikamenten gerechnet. Weitere Süchte, die keine Aufnahme von gefährlichen Substanzen nach sich ziehen, jedoch ebenso bedrohlich sein können, lassen sich exemplarisch anhand der "Spielsucht" oder der "Arbeitssucht (Workaholic)" aufzeigen. Von einer "freiwilligen" Risikobereitschaft kann ab einem gewissen Punkt dann nicht mehr gesprochen werden.
  • Risiken zwischen Wagnis und sinnvollem Handeln. Hierbei ist eine Kopplung zwischen vermeintlich sinnvollen Tätigkeiten und der riskanten Durchführung gemeint. Als Beispiel fungiert das Motorradfahren, daß einerseits der Mobilität dient, andererseits erhebliche lebensbedrohliche Risiken nach sich zieht.
  • Risiken der individuellen Lebensplanung. Darunter werden die bereits skizzierten biographischen Planungsentscheidungen im Hinblick auf die Partnerwahl u.s.w. subsumiert.

Die Aufzählung der skizzierten Bereiche verdeutlicht bereits die Reichweite und Komplexität von Risiken. Im folgenden sollen einige prägnante Merkmale der spezifischen Qualität der modernen Risikogesellschaft aufgezeigt werden.

Merkmale der Risikogesellschaft

Die Risikoproblematik wurde innerhalb der wissenschaftlichen Debatte zweifellos am prägnantesten durch das 1986 erschienene Buch von Ulrich Beck "Risikogesellschaft" reflektiert. Dieser Terminus steht in einer semantischen Konkurrenz zu einer Reihe wissenschaftlicher Begriffe, die zur Kennzeichnung der Moderne eingeführt worden sind. In Hinblick auf die funktional ausdifferenzierte Gesellschaft wird aus der jeweils spezifischen Perspektive von der "Industriegesellschaft", der "Organisationsgesellschaft", der "Informationsgesellschaft", der "Kommunikationsgesellschaft", "Erlebnisgesellschaft"  oder "Inszenierungsgesellschaft" gesprochen.
      In der "Risikogesellschaft" rücken nicht mehr die Naturkatastrophen sondern die vom Menschen selbst geschaffenen und zu verantwortenden Risiken ins Blickfeld der Debatte. Es hat sich die Auffassung durchgesetzt, daß die Gesellschaft zumindest in den mitteleuropäischen Industriegesellschaften weniger von natürlichen Gefahren, als von selbst erzeugten Risiken umgeben sind, da Naturkatastrophen in den mitteleuropäischen Breiten in der Regel einen geringeren Stellenwert einnehmen. Auf dieser Auffassung basierend gilt die Risikogesellschaft Beck zufolge als Gesellschaftsform, die sich mit den Herausforderungen der selbst geschaffenen Vernichtungsmöglichkeit konfrontiert sieht.
      Aus dieser Einsicht folgen eine Reihe spezifischer Merkmale, die an diesem Punkt dargelegt werden. Zunächst umfaßt der hohe Wirkungsgrad moderner Risiken erhebliche räumliche und zeitliche Ausdehnungen.  Atomare, gentechnisch und chemisch erzeugte Risiken unterlaufen klassenspezifische Möglichkeiten, ihnen auszuweichen. Diese Risiken können individuell nicht vermieden werden und sind durch nationale Abkommen nicht zu beseitigen. Insofern sind internationale Kooperationen innerhalb der Weltgefahrengesellschaft (Beck) unverzichtbar, um länderübergreifende Risikophänomene adäquat in den Griff zu bekommen.
      Die spezifische Qualität moderner Risiken sieht Beck (1986) darin, daß durch neue Technologien irreversible Schäden - exemplarisch sei nur die atomare Strahlung erwähnt - entstehen können, die auch zukünftige Generationen betreffen werden.
      Eine Vielzahl der in der Moderne produzierten Risiken (z.B. Radioaktivität, Ozonloch, Boden- Luft- Wald und Wasservergiftung) sind der unmittelbaren Wahrnehmung entzogen. Es sind technische Apparaturen erforderlich, um ggf.  Schäden darzustellen und damit der öffentlichen Diskussion zugänglich machen zu können. Die Bevölkerung ist in Hinblick auf diese Gefahren fremdwissenabhängig.
      Die Risiken der Moderne sind wegen der Katastrophenpotentiale z.T. unkalkulierbar geworden und werden nicht versichert. Im Katastrophenfall eines nuklearen Unfalls würde der Staat die Haftung für die angerichteten Schäden tragen müssen, da Versicherungen für die Schäden eines atomaren Unfalls nicht aufkommen.
      Durch die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen vor den Risiken der Industriegesellschaft sieht Beck das politisch-demokratische System bedroht. Er vertritt die Auffassung, daß innerhalb der  Risikogesellschaft die Tendenz zu einem Totalitarismus der Gefahrenabwehr vorherrscht, der sich dadurch legitimiert, die Bevölkerung zu schützen. Aufgrund der z.T. gravierenden industriellen Risiken befürchtet Beck zumindest in besonders sensiblen Kontexten eine Industrie hinter Gittern.

Zur Akzeptanz von Risiken

Kriterien für die Akzeptanz bzw. Nichtakzeptanz von Risiken liegen Hennen (1990) zufolge in der Bekanntheit des Risikos, der Freiwilligkeit der Risikoübernahme und der Schrecklichkeit der Folgen in Hinblick auf das katastrophisches Potential.
      Die Risikodebatte zeichnet sich durch einen hohen Grad an Irrationalität aus. Klingholz (1992) hat zu Recht auf die Widersprüchlichkeit menschlichen Verhaltens aufmerksam gemacht, indem er darauf hinwies, daß eine Reihe von Individuen es z.B. als unproblematisch erachten mit hoher Geschwindigkeit zigarettenrauchend im Auto über die Autobahn zu rasen, jedoch gleichzeitig über Pestizidspuren im Frühstücksjoghurt grübeln. Dieses Beispiel veranschaulicht sehr plastisch, wie inkonsequent Menschen in ihrer Lebenswelt agieren. Eine Erklärung dieses Phänomens liegt darin, daß selbstgeschaffene Risiken als weniger bedrohlich wahrgenommen werden als diejenigen, auf die kein direkter Einfluß genommen werden kann.
      Die hohe Akzeptanz freiwillig eingegangener Risiken steht in einem  Kontrast zur Befürchtung, seltenen Krankheiten zum Opfer zu fallen. Unbekanntes wirkt bedrohlicher. Den riskanten und am häufigsten auftretenden Zivilisationskrankheiten wird wenig Beachtung geschenkt. Obwohl unsere Gesundheit allen Umfragen zufolge das höchste Gut darstellt, werden gravierende Risiken eingegangen, aus denen eine erhebliche Gefährdung für "Leib und Leben" folgt. Es werden in der Regel Risiken überschätzt, die seltener eintreten. So ist die Angst etwa vor einem Schlangenbiß oder einem Flugzeugabsturz weiter verbreitet als die tatsächlichen und häufigen Bedrohungen, die durch falsche Ernährungs- und Lebensgewohnheiten zu erwarten sind. Der Tod durch Bewegungsmangel, Übergewicht, falsche Ernährung und den Konsum von Zigaretten und Alkohol stellt eine weitaus größeres Risiko dar, als spektakuläre Horrorszenarien mit "Gruselfaktor".
      Daß Menschen in diesem Kontext irrational denken und handeln, läßt sich durch das innerhalb der Psychologie bekannte  Phänomen der kognitiven Dissonanz erklären. Dabei wird davon ausgegangen, daß  Dinge nicht in Frage gestellt und kritisch reflektiert werden, bei denen ein Gewöhnungseffekt eingetreten ist. Auf die Risikoproblematik übertragen folgt daraus, daß liebgewonnene Lebensgewohnheiten wie das Autofahren im subjektiven Empfinden trotz des faktisch existierenden erheblichen Risikos in der eigenen Wahrnehmung kein großes Problem darstellen. Beim Autofahren hält man schließlich "das Steuer in der Hand" und wird dadurch zu der (falschen) Annahme geführt, daß die Risiken ebenfalls im eigenen Handlungsspielraum liegen. Da Verkehrsmittel wie das Flugzeug und der Zug von anderen Akteuren gesteuert werden, fühlt man sich einem höheren Risiko ausgesetzt, da in gefährlichen Situationen nicht selbst eingegriffen werden kann.
      Neben dem Faktor der vermeintlichen Kontrolle durch eigenes Agieren suggeriert auch die  Vertrautheit im Umgang mit Risiken ein Gefühl der Sicherheit und Beherrschbarkeit. Was über Jahre gut gegangen ist - so die falsche Vermutung - wird auch in Zukunft keine negativen Konsequenzen nach sich ziehen. Es trifft zwar zu, daß Routine und Übung - etwa beim Autofahren - Risiken minimieren können, gleichzeitig kann aufgrund der vorliegenden Erfahrung die (notwendige) Aufmerksamkeitsschwelle sinken, die dazu beiträgt, Unfälle zu vermeiden. Besonders monotone Arbeitsbereiche, wie etwa die Überwachung von technischen Anlagen, bergen erhebliche Risiken.
      Zusammenfassend läßt sich sagen, daß der Aspekt der Freiwilligkeit und der Vertrautheit im Umgang mit Risiken dazu beitragen kann, Risiken nur unzureichend einzuschätzen und zu verdrängen. Die hohe Komplexität moderner Risiken erschwert allgemeingültige Empfehlungen. Grundsätzlich läßt sich konstatieren, daß ein risikoaversives Verhalten um so notwendiger ist, je größer die potentielle Bedrohung ausfällt. Selbst eine geringe Eintrittswahrscheinlichkeit legitimiert m.E. keine gravierenden Bedrohungen, sofern von katastrophalen Folgen ausgegangen werden kann.
      Riskante Entscheidungen betreffen oftmals auch normative Fragen. Die Ethik als philosophische beschäftigt sich mit Strategien, das "gute Leben" voranzubringen und Benachteiligungen von Einzelnen oder Gruppen durch Normen, Leitbilder und Verhaltenskodizeß zu vermeiden.
      Die Notwendigkeit zur Fundierung einer Risikoethik liegt darin, daß die möglichen irreversiblen Konsequenzen von menschlichen Handlungsoptionen heute eine neue Situation haben entstehen lassen, die eine neue Dimension verantwortlichen Handelns erfordert.
      Der Grad des Katastrophenpotentials z.B. im Umgang mit der Kernenergie sorgt bereits dafür, daß eine Risikoethik im Industriezeitalter unverzichtbar ist, zumal bei zunehmender Komplexität komplexer Prozesse der Grad der Ungewißheit steigt.
      Das zentrale Problem einer Risikoethik liegt zunächst darin, daß normative Urteile nicht aufgrund zweier konkreter Alternativen gefällt werden können, sondern zusätzlich der Faktor von unsicheren hypothetischen Annahmen eine Rolle bei riskanten Entscheidungen spielt. Der Unsicherheitsfaktor des "Nichtwissens", ob ein Risiko tatsächlich zu einem späterem Zeitpunkt einen Schaden oder eine Katastrophe nach sich zieht, bleibt bestehen. Die Aufgabe einer Risikoethik auf der Praxisebene liegt darin zu erkennen, welchen Arten von Risiken überhaupt drohen. Im Anschluß daran ist zu klären, ob unbekannte und unüberschaubare Risiken sich in bekannte und damit überschaubare Risiken überführen lassen. Dabei spielen biologische und physikalische Sicherheitsbestimmungen eine entscheidende Rolle. Es stellt sich die Frage, welche monetären, personalen, sozialen, kulturellen und ästhetischen Kosten entstehen dürfen, um riskante Entscheidungen zu legitimieren. Wenn sowohl die Art möglicher Schäden als auch die potentielle Eintrittswahrscheinlichkeit bekannt sind, ist abzuwägen, ob der zu erwartende Nutzen die spezifisch riskante Entscheidung rechtfertigt.
      Wenn die Gesamtnutzenerwartung einer riskanten Entscheidung größer ist, als die Schadenserwartung, kann eine riskante Entscheidung gerechtfertigt sein. Dennoch stellt sich die Frage, in welchen Grenzen riskante Entscheidungen von vornherein nicht zulässig sind. Dabei spielt das Katastrophenpotential eine gewichtige Rolle. Eine atomare Katastrophe, die das Überleben der gesamten Menschheit gefährdet, stellt m.E. eine so große Bedrohung dar, daß der Umgang mit der Atomenergie grundsätzlich in Frage gestellt werden sollte, selbst wenn die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Super-GAU aus statistischer Sicht sehr gering ist.


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