Risiken
umfassen sowohl Planungen auf der individuellen Ebene bei biographischen
Entscheidungen (z.B. Partnerwahl), individuellen Lebensgewohnheiten
(z.B. Motorradfahren, Rauchen), aber auch bei kollektiven Entscheidungsprozessen
etwa in Form der Inbetriebnahme von technischen Anlagen (z.B. Atomkraftwerke).
Es ist nicht möglich, sich Risiken
zu entziehen. Selbst derjenige, der nichts tut, riskiert einiges, wie
Ott (1994, S. 5/20) plastisch darstellt:
"Wer
technisch handelt oder entscheidet, muß etwas riskieren. Wer am
Computer schreibt, riskiert Augenschäden. Wer nicht am Computer
schreibt, riskiert die Karriere. Wer gegen die Technologie argumentiert,
riskiert Arbeitsplätze. Wer jedes Wagnis meidet, riskiert, daß ihm
im Leben einiges entgeht."
Paradoxerweise
reflektiert ein Risiko etwas, das noch nicht eingetreten ist, "das
eigentümliche Anwesendsein von Abwesendem" (Rehmann-Sutter 1998,
S. 74). Die möglichen Konsequenzen riskanter Entscheidungen ergeben
sich erst zu einem späteren Zeitpunkt, wobei der Modus der Potentialität
(Wahrscheinlichkeit) eine entscheidende Rolle für das Eintreten oder
Nicht-Eintreten eines Schadens darstellt.
Die Angst vor Risiken in weiten
Teilen der Bevölkerung ist verbreitet, obwohl die Menschen noch nie
so sicher gelebt haben wie in modernen hochindustriellen Gesellschaften,
in denen auch die Lebenserwartung ständig zunimmt (vgl. Bonß 1996).
Dennoch hat sich eine Qualität moderner
Risiken herauskristallisiert, die im Eintrittsfall dramatische Dimensionen
annehmen kann. Die zunehmende Komplexität technischer und organisatorischer
Systeme bildet für Perrow (1987) die Grundlage seiner Prognose, daß
durch diese Strukturmerkmale zwangsläufig Katastrophenszenarien zu erwarten
sind. Diese Befürchtung hat sich leider bewahrheitet. Dramatische Störfälle,
die nicht mit dem Namen der Verursacher, sondern mit den Orten, an denen
sie sich ereigneten, klassifiziert wurden, sorgten dafür, daß u.a. Bophal,
Harrisburg und Tschernobyl als Synonym für die katastrophalen und z.T.
irreversiblen Folgen technischen Handelns in das Bewußtsein der Bevölkerung
rückten. Diese Großunfälle sind zum Symbol von Katastrophenphänomenen
avanciert, die in der öffentlichen Diskussion für Angst und Unsicherheit
sorgten und Zweifel an den Möglichkeiten technischen Handelns offenbarten.
Der Terminus "Risiko"
wird im üblichen Sprachgebrauch vorwiegend mit negativen Assoziationen
verknüpft. Risiken sind in der Regel zu minimieren und gelten als ungewünschte
Faktoren, die vermeintlich oder tatsächlich in Kauf genommen werden
müssen, um Stillstand zu vermeiden und Fortschritt zu erzielen. Dem
gegenüber existiert auch ein positiv bewerteter Risikobegriff. In diesem
Kontext wird dann von Risikofreudigkeit gesprochen, die mit Begriffen
wie Mut, Tatendrang, Durchsetzungsfähigkeit, Gewinn und Innovation in
Verbindung gebracht wird, um die potentiellen Chancen womöglich riskanter
Entscheidungen in den Fokus zu heben und sie damit zu legitimieren.
In diesem Kontext fungiert Risiko als Rohstoff und Produktionsfaktor
nach dem Motto "Wer wagt, gewinnt" (vgl. Wulf 1996).
Versucht man das Phänomen "Risiko"
zu definieren, so ist damit die Möglichkeit eines Schadens oder Verlustes
als Folge eines Ereignisses (z.B. Erdbeben) oder einer Handlung (z.B.
Errichtung einer großtechnischen Anlage) verbunden (vgl. Jungermann/Slovic
1993). Aus der Unsicherheit künftiger Zustände wird aufgrund des potentiellen
Eintretens eines Schadens der Wahrscheinlichkeitsfaktor abgeleitet.
Im Gegensatz zur Gefahr enthält das Risiko einen Aspekt von Entscheidungen.
Luhmann (1993) zufolge liegt ein
Risiko dann vor, wenn ein potentieller Schaden wegen eines zu bestimmenden
Vorteils in Kauf genommen wird. Es liegt also eine Abwägung im Verständnis
einer Technikfolgenabschätzung vor. Die Risikobewertung ist mit Entscheidungen
verknüpft, die eine Zurechnung von Gewinn, Verlust, Vor- und Nachteilen
nach sich ziehen. Gefahren werden zum Risiko, sofern man eine Kenntnis
über die zu erwarteten Folgen besitzt. Luhmann führt das Beispiel an,
daß die Gefahr einer Erdbebenkatastrophe dann zum Risiko avanciert,
sobald man sich im Erdbebengebiet niederläßt, und sich der Risiken bewußt
ist.
Risikobeschreibungen entscheiden,
so Lau (1991) u.a. über die Größe und Lokalisierung der Gruppe der
Betroffenen, die intergenerative Betroffenheit durch Risiken, die Eintrittswahrscheinlichkeit
von Gefährdungen und Katastrophen sowie die Kosten von Risiken. Dazu
gehören nicht nur monetäre, sondern auch soziale Kosten, zu denen auch
die Angst vor Risiken gerechnet werden kann.
Im Rahmen der Risikodebatte wird
oftmals übersehen, daß gerade im individuellen zwischenmenschlichen
Bereich erhebliche Risiken eingegangen werden, die als solche kaum reflektiert
werden. Die Herauslösung des Menschen aus etablierten sozialstrukturellen
und kulturellen Milieus haben einen fundamental anderen Blick auf Unsicherheit
als in vormodernen Gesellschaften etabliert.
Risiken individueller Planungsentscheidungen
Bei individuellen biographischen Entscheidungen spielen wahrscheinlichkeitsgestützte
rationale Entscheidungen in der Regel eine untergeordnete Rolle. Solche
Einzelfallentscheidungen auf der Basis emotionaler Gefühlsregungen,
die die Partnerwahl, Lebensform und den Kinderwunsch betreffen, bieten
nur wenig gesicherte Bezugserwartungen. Solche riskanten Entscheidungen
der eigenen Biographie werden nicht als rationale Entscheidung einer
Kosten-Nutzen-Kalkulation auf Wahrscheinlichkeitsbasis getroffen, da
die Entscheidungsfolgen nicht festgelegt und kaum prognostiziert werden
können (vgl. Halfmann 1996).
In der Moderne haben Individualisierungsprozesse
dazu geführt, daß riskante biographische Entscheidungen in den eigenen
Zuständigkeitsbereich des Individuums fallen. Unter Individualisierung
wird Beck (1986) zufolge eine Herauslösung aus historisch vorgegebenen
Sozialformen und -bindungen hinsichtlich traditioneller Herrschafts-
und Versorgungszusammenhänge verstanden (Freisetzungsdimension). Es
ist ein Verlust an traditionellen Sicherheiten hinsichtlich leitender
Normen und Glaubensvorstellungen (Entzauberungsdimension) zu verzeichnen
sowie eine neue Art sozialer Wiedereinbindung (Kontroll- bzw. Reintegrationsdimension).
Individualisierungsprozesse in der
Moderne beinhalten erhebliche Konsequenzen für die Familienentwicklung
und Partnerschaftsprozesse. Beck-Gernsheim (1992) zufolge wird Individualisierung
als ein gesellschaftlich-historischer Prozeß klassifiziert, aus dem
sich neue Versorgungsbezüge entwickeln können, die zumindest im Privatleben
stärker auf freiwilligen Arrangements basieren, obwohl berufliche Zwänge
und Abhängigkeiten nach wie vor zu konstatieren sind. Diese Veränderung
kann sowohl als Chance autonomer Entscheidungsoptionen interpretiert
werden; sie impliziert gleichzeitig den Verlust von klaren Ordnungsbezügen.
Durch die daraus resultierenden
Entscheidungsfreiheiten ergeben sich zugleich riskante Entscheidungszwänge,
die eine Wahl der Individuen in bezug auf ihre Lebensgestaltung erforderlich
machen. Beck zeigt auf, daß die Biographie des einzelnen aus den vorgegebenen
Fixierungen herausgelöst wird und dadurch der Anteil der Eigenverantwortung
zunimmt. Der einzelne begreift sich als "Planungsbüro" individueller
Entscheidungen, wodurch auch riskante Entscheidungen hinsichtlich des
eigenen Lebenszusammenhangs "selbstreflexiv" erfolgen. Im
familiären Kontext ergeben sich unterschiedliche Optionen, die unter
der Bezeichnung "Pluralisierung der Lebensformen" subsumiert
werden können (vgl. Schicha 1996). Die Individuen stehen zunächst vor
einer offenen, ungewissen Zukunft und sind gezwungen, selbständig über
biographische Veränderungen zu entscheiden. Es werden ihnen Perspektiven
hinsichtlich ihrer Lebensgestaltung ermöglicht; sie sind jedoch zugleich
Zwängen ausgesetzt, sich für eine bestimmte Lebensform zu entscheiden.
Die Individuen sind in der Lage, ihre Biographie selbständig und ohne
vorgegebene Glaubenssätze, Werte und Regeln zu gestalten, wobei dennoch
ein Netzwerk von institutionellen Zwängen Einfluß nimmt. Individualisierungsprozesse
sind von gesellschaftlichen Vorgaben und Rahmenbedingungen abhängig,
die auf die Individuen einwirken und können nicht einseitig als eine
Chance autonomer Selbstverwirklichung verstanden werden. Beck konstatiert,
daß die Individualisierung ebenso einen Zwang bedeutet, die eigene Biographie
unter den Bedingung der sozialstaatlichen Vorgaben im Rahmen des persönlichen
Risikos selbständig zu gestalten. Becks These zufolge nimmt die menschliche
Handlungsautonomie einen immer größeren Raum ein. Innerhalb der Risikogesellschaft
begreifen sich die Akteure in ihrer Lebenswelt nicht mehr als "Marionettentheater
eines allmächtigen Gottes", sondern die Welt wird durch menschliches
Handeln als veränderbar begriffen, in der Strukturen durch Handeln bewußt
zur Disposition gestellt werden.
Dennoch verspricht die Befreiung
aus traditionellen Netzwerken keine absolute Freiheit und Handlungsautonomie.
Nach wie vor existieren strukurelle Zwänge. Die gesellschaftliche Schichtzugehörigkeit
beeinflußt nach wie vor die spezifischen Lebensvoraussetzungen und Wahloptionen.
Neben den Risiken der biographischen
Planungsentscheidungen werden im folgenden Formen der risikospezifischen
individuellen Lebensweise sowie kollektive Risiken diskutiert.
Risikotypen
Es lassen sich Renn (1991) zufolge unterschiedliche Risikotypen
klassifizieren:
1. Kollektive (unfreiwillige) Risiken:
- Risiko als drohende
Gefahr (Damoklesschwert). Dazu gehören u.a. großtechnische Einrichtungen,
Kernkraftwerke und Chemieanlagen.
- Risiko als schleichende
Gefahr (Büchse der Pandora). Als Beispiele fungieren das Waldsterben
oder die Verseuchung der Gewässer.
- Risiko als Schicksalsschlag.
Hierzu werden Naturereignisse wie Erdbeben oder Krankheiten gezählt,
denen man nur bedingt ausweichen kann.
2. Individuelle
(z.T. freiwillig gewählte) Risiken:
- Risiko als Glücksspiel.
Darunter wird z.B. der Handel mit Aktien subsumiert.
- Risiko als Freizeitspaß.
Hierbei sind riskante Sportarten wie das Bungeespringen angesprochen,
die keinen direkten Nutzengewinn nach sich ziehen. Hierbei steht der
"Spaß an der Freud", das Bedürfnis nach einem "Kick"
im Vordergrund der Akteure, die sich solchen Risiken freiwillig aussetzen.
3. Darüber hinaus
sind weitere Risiken zu nennen:
- Risiko aus Lust
und Bequemlichkeit. Dazu gehört die "unsolide Lebensweise"
(u.a. ungesunde Ernährung, mangelnde Bewegung) aus der Krankheiten
entstehen können.
- Risiko und Sucht.
Hierzu wird die Einnahe von Drogen in Form von Alkohol, Zigaretten
und Medikamenten gerechnet. Weitere Süchte, die keine Aufnahme von
gefährlichen Substanzen nach sich ziehen, jedoch ebenso bedrohlich
sein können, lassen sich exemplarisch anhand der "Spielsucht"
oder der "Arbeitssucht (Workaholic)" aufzeigen. Von einer
"freiwilligen" Risikobereitschaft kann ab einem gewissen
Punkt dann nicht mehr gesprochen werden.
- Risiken zwischen
Wagnis und sinnvollem Handeln. Hierbei ist eine Kopplung zwischen
vermeintlich sinnvollen Tätigkeiten und der riskanten Durchführung
gemeint. Als Beispiel fungiert das Motorradfahren, daß einerseits
der Mobilität dient, andererseits erhebliche lebensbedrohliche Risiken
nach sich zieht.
- Risiken der
individuellen Lebensplanung. Darunter werden die bereits skizzierten
biographischen Planungsentscheidungen im Hinblick auf die Partnerwahl
u.s.w. subsumiert.
Die
Aufzählung der skizzierten Bereiche verdeutlicht bereits die Reichweite
und Komplexität von Risiken. Im folgenden sollen einige prägnante Merkmale
der spezifischen Qualität der modernen Risikogesellschaft aufgezeigt
werden.
Merkmale der Risikogesellschaft
Die Risikoproblematik wurde innerhalb der wissenschaftlichen Debatte
zweifellos am prägnantesten durch das 1986 erschienene Buch von Ulrich
Beck "Risikogesellschaft" reflektiert. Dieser Terminus steht
in einer semantischen Konkurrenz zu einer Reihe wissenschaftlicher Begriffe,
die zur Kennzeichnung der Moderne eingeführt worden sind. In Hinblick
auf die funktional ausdifferenzierte Gesellschaft wird aus der jeweils
spezifischen Perspektive von der "Industriegesellschaft",
der "Organisationsgesellschaft", der "Informationsgesellschaft",
der "Kommunikationsgesellschaft", "Erlebnisgesellschaft"
oder "Inszenierungsgesellschaft" gesprochen.
In der "Risikogesellschaft"
rücken nicht mehr die Naturkatastrophen sondern die vom Menschen selbst
geschaffenen und zu verantwortenden Risiken ins Blickfeld der Debatte.
Es hat sich die Auffassung durchgesetzt, daß die Gesellschaft zumindest
in den mitteleuropäischen Industriegesellschaften weniger von natürlichen
Gefahren, als von selbst erzeugten Risiken umgeben sind, da Naturkatastrophen
in den mitteleuropäischen Breiten in der Regel einen geringeren Stellenwert
einnehmen. Auf dieser Auffassung basierend gilt die Risikogesellschaft
Beck zufolge als Gesellschaftsform, die sich mit den Herausforderungen
der selbst geschaffenen Vernichtungsmöglichkeit konfrontiert sieht.
Aus dieser Einsicht folgen eine
Reihe spezifischer Merkmale, die an diesem Punkt dargelegt werden. Zunächst
umfaßt der hohe Wirkungsgrad moderner Risiken erhebliche räumliche und
zeitliche Ausdehnungen. Atomare, gentechnisch und chemisch erzeugte
Risiken unterlaufen klassenspezifische Möglichkeiten, ihnen auszuweichen.
Diese Risiken können individuell nicht vermieden werden und sind durch
nationale Abkommen nicht zu beseitigen. Insofern sind internationale
Kooperationen innerhalb der Weltgefahrengesellschaft (Beck) unverzichtbar,
um länderübergreifende Risikophänomene adäquat in den Griff zu bekommen.
Die spezifische Qualität moderner
Risiken sieht Beck (1986) darin, daß durch neue Technologien irreversible
Schäden - exemplarisch sei nur die atomare Strahlung erwähnt - entstehen
können, die auch zukünftige Generationen betreffen werden.
Eine Vielzahl der in der Moderne
produzierten Risiken (z.B. Radioaktivität, Ozonloch, Boden- Luft- Wald
und Wasservergiftung) sind der unmittelbaren Wahrnehmung entzogen. Es
sind technische Apparaturen erforderlich, um ggf. Schäden darzustellen
und damit der öffentlichen Diskussion zugänglich machen zu können. Die
Bevölkerung ist in Hinblick auf diese Gefahren fremdwissenabhängig.
Die Risiken der Moderne sind wegen
der Katastrophenpotentiale z.T. unkalkulierbar geworden und werden nicht
versichert. Im Katastrophenfall eines nuklearen Unfalls würde der Staat
die Haftung für die angerichteten Schäden tragen müssen, da Versicherungen
für die Schäden eines atomaren Unfalls nicht aufkommen.
Durch die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen
vor den Risiken der Industriegesellschaft sieht Beck das politisch-demokratische
System bedroht. Er vertritt die Auffassung, daß innerhalb der Risikogesellschaft
die Tendenz zu einem Totalitarismus der Gefahrenabwehr vorherrscht,
der sich dadurch legitimiert, die Bevölkerung zu schützen. Aufgrund
der z.T. gravierenden industriellen Risiken befürchtet Beck zumindest
in besonders sensiblen Kontexten eine Industrie hinter Gittern.
Zur Akzeptanz von Risiken
Kriterien für die Akzeptanz bzw. Nichtakzeptanz von Risiken liegen
Hennen (1990) zufolge in der Bekanntheit des Risikos, der Freiwilligkeit
der Risikoübernahme und der Schrecklichkeit der Folgen in Hinblick auf
das katastrophisches Potential.
Die Risikodebatte zeichnet sich
durch einen hohen Grad an Irrationalität aus. Klingholz (1992) hat zu
Recht auf die Widersprüchlichkeit menschlichen Verhaltens aufmerksam
gemacht, indem er darauf hinwies, daß eine Reihe von Individuen es z.B.
als unproblematisch erachten mit hoher Geschwindigkeit zigarettenrauchend
im Auto über die Autobahn zu rasen, jedoch gleichzeitig über Pestizidspuren
im Frühstücksjoghurt grübeln. Dieses Beispiel veranschaulicht sehr plastisch,
wie inkonsequent Menschen in ihrer Lebenswelt agieren. Eine Erklärung
dieses Phänomens liegt darin, daß selbstgeschaffene Risiken als weniger
bedrohlich wahrgenommen werden als diejenigen, auf die kein direkter
Einfluß genommen werden kann.
Die hohe Akzeptanz freiwillig eingegangener
Risiken steht in einem Kontrast zur Befürchtung, seltenen Krankheiten
zum Opfer zu fallen. Unbekanntes wirkt bedrohlicher. Den riskanten und
am häufigsten auftretenden Zivilisationskrankheiten wird wenig Beachtung
geschenkt. Obwohl unsere Gesundheit allen Umfragen zufolge das höchste
Gut darstellt, werden gravierende Risiken eingegangen, aus denen eine
erhebliche Gefährdung für "Leib und Leben" folgt. Es werden
in der Regel Risiken überschätzt, die seltener eintreten. So ist die
Angst etwa vor einem Schlangenbiß oder einem Flugzeugabsturz weiter
verbreitet als die tatsächlichen und häufigen Bedrohungen, die durch
falsche Ernährungs- und Lebensgewohnheiten zu erwarten sind. Der Tod
durch Bewegungsmangel, Übergewicht, falsche Ernährung und den Konsum
von Zigaretten und Alkohol stellt eine weitaus größeres Risiko dar,
als spektakuläre Horrorszenarien mit "Gruselfaktor".
Daß Menschen in diesem Kontext irrational
denken und handeln, läßt sich durch das innerhalb der Psychologie bekannte
Phänomen der kognitiven Dissonanz erklären. Dabei wird davon ausgegangen,
daß Dinge nicht in Frage gestellt und kritisch reflektiert werden,
bei denen ein Gewöhnungseffekt eingetreten ist. Auf die Risikoproblematik
übertragen folgt daraus, daß liebgewonnene Lebensgewohnheiten wie das
Autofahren im subjektiven Empfinden trotz des faktisch existierenden
erheblichen Risikos in der eigenen Wahrnehmung kein großes Problem darstellen.
Beim Autofahren hält man schließlich "das Steuer in der Hand"
und wird dadurch zu der (falschen) Annahme geführt, daß die Risiken
ebenfalls im eigenen Handlungsspielraum liegen. Da Verkehrsmittel wie
das Flugzeug und der Zug von anderen Akteuren gesteuert werden, fühlt
man sich einem höheren Risiko ausgesetzt, da in gefährlichen Situationen
nicht selbst eingegriffen werden kann.
Neben dem Faktor der vermeintlichen
Kontrolle durch eigenes Agieren suggeriert auch die Vertrautheit im
Umgang mit Risiken ein Gefühl der Sicherheit und Beherrschbarkeit. Was
über Jahre gut gegangen ist - so die falsche Vermutung - wird auch in
Zukunft keine negativen Konsequenzen nach sich ziehen. Es trifft zwar
zu, daß Routine und Übung - etwa beim Autofahren - Risiken minimieren
können, gleichzeitig kann aufgrund der vorliegenden Erfahrung die (notwendige)
Aufmerksamkeitsschwelle sinken, die dazu beiträgt, Unfälle zu vermeiden.
Besonders monotone Arbeitsbereiche, wie etwa die Überwachung von technischen
Anlagen, bergen erhebliche Risiken.
Zusammenfassend läßt sich sagen,
daß der Aspekt der Freiwilligkeit und der Vertrautheit im Umgang mit
Risiken dazu beitragen kann, Risiken nur unzureichend einzuschätzen
und zu verdrängen. Die hohe Komplexität moderner Risiken erschwert allgemeingültige
Empfehlungen. Grundsätzlich läßt sich konstatieren, daß ein risikoaversives
Verhalten um so notwendiger ist, je größer die potentielle Bedrohung
ausfällt. Selbst eine geringe Eintrittswahrscheinlichkeit legitimiert
m.E. keine gravierenden Bedrohungen, sofern von katastrophalen Folgen
ausgegangen werden kann.
Riskante Entscheidungen betreffen
oftmals auch normative Fragen. Die Ethik als philosophische beschäftigt
sich mit Strategien, das "gute Leben" voranzubringen und Benachteiligungen
von Einzelnen oder Gruppen durch Normen, Leitbilder und Verhaltenskodizeß
zu vermeiden.
Die Notwendigkeit zur Fundierung
einer Risikoethik liegt darin, daß die möglichen irreversiblen Konsequenzen
von menschlichen Handlungsoptionen heute eine neue Situation haben entstehen
lassen, die eine neue Dimension verantwortlichen Handelns erfordert.
Der Grad des Katastrophenpotentials
z.B. im Umgang mit der Kernenergie sorgt bereits dafür, daß eine Risikoethik
im Industriezeitalter unverzichtbar ist, zumal bei zunehmender Komplexität
komplexer Prozesse der Grad der Ungewißheit steigt.
Das zentrale Problem einer Risikoethik
liegt zunächst darin, daß normative Urteile nicht aufgrund zweier konkreter
Alternativen gefällt werden können, sondern zusätzlich der Faktor von
unsicheren hypothetischen Annahmen eine Rolle bei riskanten Entscheidungen
spielt. Der Unsicherheitsfaktor des "Nichtwissens", ob ein
Risiko tatsächlich zu einem späterem Zeitpunkt einen Schaden oder eine
Katastrophe nach sich zieht, bleibt bestehen. Die Aufgabe einer Risikoethik
auf der Praxisebene liegt darin zu erkennen, welchen Arten von Risiken
überhaupt drohen. Im Anschluß daran ist zu klären, ob unbekannte und
unüberschaubare Risiken sich in bekannte und damit überschaubare Risiken
überführen lassen. Dabei spielen biologische und physikalische Sicherheitsbestimmungen
eine entscheidende Rolle. Es stellt sich die Frage, welche monetären,
personalen, sozialen, kulturellen und ästhetischen Kosten entstehen
dürfen, um riskante Entscheidungen zu legitimieren. Wenn sowohl die
Art möglicher Schäden als auch die potentielle Eintrittswahrscheinlichkeit
bekannt sind, ist abzuwägen, ob der zu erwartende Nutzen die spezifisch
riskante Entscheidung rechtfertigt.
Wenn die Gesamtnutzenerwartung einer
riskanten Entscheidung größer ist, als die Schadenserwartung, kann eine
riskante Entscheidung gerechtfertigt sein. Dennoch stellt sich die Frage,
in welchen Grenzen riskante Entscheidungen von vornherein nicht zulässig
sind. Dabei spielt das Katastrophenpotential eine gewichtige Rolle.
Eine atomare Katastrophe, die das Überleben der gesamten Menschheit
gefährdet, stellt m.E. eine so große Bedrohung dar, daß der Umgang mit
der Atomenergie grundsätzlich in Frage gestellt werden sollte, selbst
wenn die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Super-GAU aus statistischer
Sicht sehr gering ist.