1.4 Ideal- versus Praxisnormen

Um die Differenz zwischen hohen moralischen Ansprüchen und den menschlichen Unvollkommenheiten und Sachzwängen zu überbrücken, trifft Birnbacher (1988) die Unterscheidung zwischen idealen Normen und Praxisnormen. Praxisnormen verhalten sich zu idealen Normen wie einfache Gesetze zu Verfassungsnormen. Während die Fundierung von Idealnormen als Arbeitsaufgabe der Philosophie zugeschrieben wird, werden Praxisnormen primär der Ebene der Rechts und der Politik zugeordnet. 
      Praxisnormen können aus idealen Normen abgeleitet werden. Ideale Normen sind in der Regel jedoch so wirklichkeitsfremd; ihre Ansprüche sind so hoch, daß sie in der Praxis kaum durchsetzbar sind. Insofern gelten ideale Normen zunächst als Resultat abstrakter normativ-ethischer Überlegungen, die jedoch auf dieser idealen Ebene keine praktische Hilfe bei konkreten Handlungsentscheidungen liefern können. Sie sind zu allgemein, zu unbestimmt und zu rigide, um faktisch als Regeln für die konkrete Lebenspraxis dienen zu können. Eine Aufgabe der wirksamen angewandten Ethik für die Praxis besteht nunmehr darin, daß ideale Normen im Verständnis von "Durchführungsregeln" (Sachsse 1972) eine praktikable Angleichung an die faktischen Verhältnisse erfahren, um eine Vermittlungsfunktion zwischen der abstrakten idealen Ethik einerseits mit den anthropologischen und psychologischen Realitäten andererseits zu bewerkstelligen. Oft, so die Kritik von Birnbacher (1997) sind anspruchsvolle ethische Prinzipien so rigoros, um eine Chance zur Durchsetzung in der Praxis zu erreichen. Darüber hinaus weichen sie oftmals so stark von der gängigen Gegebenheiten und Konventionen der Lebenspraxis ab, um die Akteure zur Durchführung entsprechender Prinzipien zu motivieren. Insofern sind die Durchsetzungsbedingungen idealer Normen ein wesentlicher Maßstab für die Wirksamkeit entsprechender Leitlinien. Eine zentrale Aufgabe einer tragfähigen angewandten Moralkonzeption liegt darin, einen Kompromiß zu finden zwischen legitimer Anpassung an die faktischen Gegebenheiten, ohne sich jedoch  zu stark an opportunistischen Gepflogenheiten in der Praxis zu orientieren. Das Spannungsfeld skizziert also einerseits die Problematik einer u.U. rigiden Zumutbarkeit, aus der sich Überforderungstendenzen ergeben können und einer Anpassung  andererseits, die eine zu enge Bindung an die gängige Praxis nach sich ziehen würde und keinen Spielraum für Veränderungen zuläßt.

Die Debatte zwischen Ideal- und Praxisnormen wird unter einer anderen Terminologie durch das Verhältnis zwischen Ethik und Pragmatik geführt, auf im folgenden skizziert werden soll.


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