Um
die Differenz zwischen hohen moralischen Ansprüchen und den menschlichen
Unvollkommenheiten und Sachzwängen zu überbrücken, trifft Birnbacher
(1988) die Unterscheidung zwischen idealen Normen und Praxisnormen.
Praxisnormen verhalten sich zu idealen Normen wie einfache Gesetze zu
Verfassungsnormen. Während die Fundierung von Idealnormen als Arbeitsaufgabe
der Philosophie zugeschrieben wird, werden Praxisnormen primär der Ebene
der Rechts und der Politik zugeordnet.
Praxisnormen können aus idealen
Normen abgeleitet werden. Ideale Normen sind in der Regel jedoch so
wirklichkeitsfremd; ihre Ansprüche sind so hoch, daß sie in der Praxis
kaum durchsetzbar sind. Insofern gelten ideale Normen zunächst als Resultat
abstrakter normativ-ethischer Überlegungen, die jedoch auf dieser idealen
Ebene keine praktische Hilfe bei konkreten Handlungsentscheidungen liefern
können. Sie sind zu allgemein, zu unbestimmt und zu rigide, um faktisch
als Regeln für die konkrete Lebenspraxis dienen zu können. Eine Aufgabe
der wirksamen angewandten Ethik für die Praxis besteht nunmehr darin,
daß ideale Normen im Verständnis von "Durchführungsregeln"
(Sachsse 1972) eine praktikable Angleichung an die faktischen Verhältnisse
erfahren, um eine Vermittlungsfunktion zwischen der abstrakten idealen
Ethik einerseits mit den anthropologischen und psychologischen Realitäten
andererseits zu bewerkstelligen. Oft, so die Kritik von Birnbacher (1997)
sind anspruchsvolle ethische Prinzipien so rigoros, um eine Chance zur
Durchsetzung in der Praxis zu erreichen. Darüber hinaus weichen sie
oftmals so stark von der gängigen Gegebenheiten und Konventionen der
Lebenspraxis ab, um die Akteure zur Durchführung entsprechender Prinzipien
zu motivieren. Insofern sind die Durchsetzungsbedingungen idealer Normen
ein wesentlicher Maßstab für die Wirksamkeit entsprechender Leitlinien.
Eine zentrale Aufgabe einer tragfähigen angewandten Moralkonzeption
liegt darin, einen Kompromiß zu finden zwischen legitimer Anpassung
an die faktischen Gegebenheiten, ohne sich jedoch zu stark an opportunistischen
Gepflogenheiten in der Praxis zu orientieren. Das Spannungsfeld skizziert
also einerseits die Problematik einer u.U. rigiden Zumutbarkeit, aus
der sich Überforderungstendenzen ergeben können und einer Anpassung
andererseits, die eine zu enge Bindung an die gängige Praxis nach sich
ziehen würde und keinen Spielraum für Veränderungen zuläßt.
Die Debatte zwischen Ideal- und Praxisnormen wird unter einer anderen
Terminologie durch das Verhältnis zwischen Ethik und Pragmatik geführt,
auf im folgenden skizziert werden soll.