Normen
sind verallgemeinerte Vorstellungen von Anleistungen, die in konkreten
von bestimmten Interessen angeleitetem Handelns gemacht werden (vgl.
Willms 1979).
Sie unterliegen einer historischen
Veränderung. Welche Werthierachie ein Individuum in einer gegebenen
Zeit und in einer spezifischen Situation gerade sein eigen nennt, manifestiert
sich erst in der jeweiligen Entscheidungs- und Beurteilungssituation
(vgl. Zimmerli 1979). Aufgrund widersprüchlicher persönlicher Wertvorstellungen
und Interessen kann davon ausgegangen werden, daß verschiedene Ergebnisse
bei der Beurteilung konkreter Normen zustande kommen (vgl. König 1978).
Insofern sind moralische Beurteilungskrititerien und Begründungsverfahren
auf der Praxisebene in einen historischen und sozio-ökonomischen Rahmen
einzubinden.
Beschränkungen
Es stellt sich die Frage, welche "Abstriche" auf der Praxisebene
vorzunehmen sind, um zu einer praktikablem praxisadäquaten Konzeption
zu gelangen. Neben der allgemein gesellschaftlichen Ebene mit spezifischen
rechtlichen, ökonomischen und politischen normativen Vorgaben und daraus
resultierenden eingeschränkten Spielräumen sind auf der individuellen
Ebene die kognitiven und motivationalen Beschränkungen aufzuzeigen,
denen Individuen ausgesetzt sind. Zunächst verfügen die Akteure über
unterschiedliche Bildungsvoraussetzungen, Ansprüche und Interessen.
Daneben sind eine Reihe weiterer menschlicher Eigenschaften zu berücksichtigen,
die eine Einschränkung idealtypischer moralischer Vorgaben zur Folge
haben. Es ist Koller (1996) zufolge zwischen externen und interen Beschränkungen
zu differenzieren. Dies hängt davon ab, ob die äußeren Bedingungen des
Handelns eingeschränkt werden oder ob persönliche Eigenschaften der
handelnden Personen z.B. in Form von begrenzten physischen Kapazitäten
für Einschränkungen sorgen. Externe natürlichen Beschränkungen sind
aufgrund der Wirksamkeit der Naturgesetze vorhanden, während externe
soziale Beschränkungen sich aus der äußeren sozialen Umgebung und den
entsprechenden Rahmenbedingungen der Akteure ergeben, bei denen Macht-
und Herrschaftsverhältnisse zugrunde gelegt werden.
Innere psychische Beschränkungen
resultieren aus den angeborenen, psychischen und intellektuellen Eigenschaften
der Menschen, während interne soziale Beschränkungen sich u.a. aus der
intra- und intertemoporalen Verteilungsproblematik von Ressourcen ergeben,
die u.a. als zentrales Themenfeld der normativen "Nachhaltigkeitsdebatte"
behandelt werden (vgl. Birnbacher/Schicha 1996).
Willenssschwäche
Einen zentralen Stellenwert für menschliche Unzulänglichkeiten nimmt
das Problem der Willensschwäche ein, daß Hare zufolge zu beobachten
ist, sofern jemand zwar aufrichtig einem Moralurteil zustimmt, jedoch
in seinem Handeln diesem Moralurteil nicht folgt. (vgl. Spitzley 1995).
Dieses Phänomen stellt die Diskrepanz zwischen ausgedrückten Präferenzen
und damit divergierenden faktischen Verhaltensmaßnahmen dar. Dies zeigt
sich z.B., wenn erklärte Umweltschützer in ihrem eigenen Verhalten ihren
eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden.
Moralische Distanz
Die moralische Distanz resultiert aus der räumlichen und/oder zeitlichen
Distanz in Hinblick auf die Akteure, denen gegenüber Handlungen oder
Unterlassungen vorgesehen sind. Obwohl moralische Postulate in der Regel
eine zeitliche und räumliche Unabhängigkeit fordern, werden z.B. die
eigenen Angehörigen - so im Erbrecht - privilegiert.
Zeitpräferenz
Der Aspekt der Zeitpräferenz drückt einen weiteres auftretendes
Problem auf, das dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit moralischer Normen
konträr entgegensteht. Die Bevorzugung der Gegenwart gegenüber der Zukunft
stellt ein typisches Verhaltensmerkmal von Menschen dar. Dieser Aspekt
wird im Rahmen eines aktuellen von der DFG geförderten Forschungsprojekt
zur Diskontierung zur Zeit diskutiert.