1.4.3 Praxisebene

Normen sind verallgemeinerte Vorstellungen von Anleistungen, die in konkreten von bestimmten Interessen angeleitetem Handelns gemacht werden (vgl. Willms 1979).
      Sie unterliegen einer historischen Veränderung. Welche Werthierachie ein Individuum in einer gegebenen Zeit und in einer spezifischen Situation gerade sein eigen nennt, manifestiert sich erst in der jeweiligen Entscheidungs- und Beurteilungssituation (vgl. Zimmerli 1979). Aufgrund widersprüchlicher persönlicher Wertvorstellungen und Interessen kann davon ausgegangen werden, daß verschiedene Ergebnisse bei der Beurteilung konkreter Normen zustande kommen (vgl. König 1978). Insofern sind moralische Beurteilungskrititerien und Begründungsverfahren auf der Praxisebene in einen historischen und sozio-ökonomischen Rahmen einzubinden.

Beschränkungen

Es stellt sich die Frage, welche "Abstriche" auf der Praxisebene vorzunehmen sind, um zu einer praktikablem praxisadäquaten Konzeption zu gelangen. Neben der allgemein gesellschaftlichen Ebene mit spezifischen rechtlichen,  ökonomischen und politischen normativen Vorgaben und daraus resultierenden eingeschränkten Spielräumen sind auf der individuellen Ebene die kognitiven und motivationalen Beschränkungen aufzuzeigen, denen Individuen ausgesetzt sind. Zunächst verfügen die Akteure über unterschiedliche Bildungsvoraussetzungen, Ansprüche und Interessen. Daneben sind eine Reihe weiterer menschlicher Eigenschaften zu berücksichtigen, die eine Einschränkung idealtypischer moralischer Vorgaben zur Folge haben. Es ist Koller (1996) zufolge zwischen externen und interen Beschränkungen zu differenzieren. Dies hängt davon ab, ob die äußeren Bedingungen des Handelns eingeschränkt werden oder ob persönliche Eigenschaften der handelnden Personen z.B. in Form von begrenzten physischen Kapazitäten für Einschränkungen sorgen. Externe natürlichen Beschränkungen sind aufgrund der Wirksamkeit der Naturgesetze vorhanden, während externe soziale Beschränkungen sich aus der äußeren sozialen Umgebung und den entsprechenden Rahmenbedingungen der Akteure ergeben, bei denen Macht- und Herrschaftsverhältnisse zugrunde gelegt werden.
      Innere psychische Beschränkungen resultieren aus den angeborenen, psychischen und intellektuellen Eigenschaften der Menschen, während interne soziale Beschränkungen sich u.a. aus der intra- und intertemoporalen Verteilungsproblematik von Ressourcen ergeben, die u.a. als zentrales Themenfeld der normativen "Nachhaltigkeitsdebatte" behandelt werden (vgl. Birnbacher/Schicha 1996).

Willenssschwäche

Einen zentralen Stellenwert für menschliche Unzulänglichkeiten nimmt das Problem der Willensschwäche ein, daß Hare zufolge zu beobachten ist, sofern jemand zwar aufrichtig einem Moralurteil zustimmt, jedoch in seinem Handeln diesem Moralurteil nicht folgt. (vgl. Spitzley 1995). Dieses Phänomen stellt die Diskrepanz zwischen ausgedrückten Präferenzen und damit divergierenden faktischen Verhaltensmaßnahmen dar. Dies zeigt sich z.B., wenn erklärte Umweltschützer in ihrem eigenen Verhalten ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden.

Moralische Distanz

Die moralische Distanz resultiert aus der räumlichen und/oder zeitlichen Distanz in Hinblick auf die Akteure, denen gegenüber Handlungen oder Unterlassungen vorgesehen sind. Obwohl moralische Postulate in der Regel eine zeitliche und räumliche Unabhängigkeit fordern, werden z.B. die eigenen Angehörigen - so im Erbrecht - privilegiert.

Zeitpräferenz

Der Aspekt der Zeitpräferenz drückt einen weiteres  auftretendes Problem auf, das dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit moralischer Normen konträr entgegensteht. Die Bevorzugung der Gegenwart gegenüber der Zukunft stellt ein typisches Verhaltensmerkmal von Menschen dar. Dieser Aspekt wird im Rahmen eines aktuellen von der DFG geförderten Forschungsprojekt zur Diskontierung zur Zeit diskutiert.

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