Nida-Rümelin
(1996) konstatiert, daß es Ethik ohne Anwendung nicht geben kann, da
sich die ethische Theorie erst in den Anwendungen bewähren kann. Insofern
bilden theoretische und praktische Fragen der Ethik nicht zwei disjunkte
Klassen, sondern ein Kontinuum. Die Begründungsrelationen verlaufen
weder von der Theorie zur Praxis noch von der Praxis zur Theorie, sondern
sie richten sich nach dem Gewißheitsgefälle der moralischen Überzeugungen.
Es gibt moralische Überzeugungen von hoher Allgemeinheit, die nicht
aufgegeben werden sollten. Ebenso existieren konkrete Verhaltensweisen,
die als unmoralisch charakterisiert werden. Es finden sich innerhalb
der Ethik eine Reihe von Grundprinzipien - quasi ein einheitliches
moralisches "framework" (Horster 1997) - innerhalb dessen
spezifisch individuelle Wahlentscheidungen erfolgen. Dazu gehören Prinzipien
der Wechselseitigkeit, der Allgemeingültigkeit und der Gerechtigkeit.
Die angewandte Ethik reflektiert
ihren Ausgangspunkt bei konkreten Erfahrungen der Lebensgestaltung und
des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Sie kennt die große Vielfalt
unterschiedlicher und konkreter Erfahrungen der Lebensgestaltung und
des gesellschaftlichen Zusammenlebens an und ist skeptisch gegenüber
allgemeinen Prinzipien und der Tendenz, komplexe moralische Sachverhalte
auf einige wenige idealtypische Charakteristika zu reduzieren. Sie nimmt
die Vielfalt moralischer Empfindungen ernst und bleibt kritisch gegenüber
allzu hochgesteckten theoretischen Zielen.
Insgesamt ist zwischen mindestens
vier Begründungen normativer Ethik zu differenzieren.
- Die Begründung
unter Bezugnahme auf zugeschriebene individuelle Rechte, die die demokratische
Verfassung garantiert. Dazu gehören u.a. die Rede-, Gewissens-, und
Versammungsfreiheit (z.B. Grundgesetz)
- Die Begründung
auf Verpflichtungen, etwa in einem Vertragsmodell (z.B. Habermas,
Rawls).
- Die Begründung
aufgrund von Pflichten, die mit normativen Erwartungen an spezifische
gewählte oder zugeschriebene Rollen verbunden sind (z.B. Hippokratische
Eid).
- Begründung aufgrund
von allgemeine Prinzipien, die eine entsprechende Bindung nach sich
ziehen (z.B. Kant, Gert, Mill, Beauchamp/Childress).
Normen
fungieren als Verbindungsglied zwischen den obersten Kategorien des
Wünschenswerten und den praktischen Problembereichen. Dabei stellt die
Beziehung zwischen idealen Normen und Praxisnormen ein zentrales Spannungsfeld
dar. Trotz seiner fundamentalen Relevanz für die Normenbegründung ist
diese Thematik bislang aus philosophischer Perspektive nur unzureichend
behandelt worden, wie Lenk (1997) kritisch anmerkt. Er vertritt die
These, daß unter Beibehaltung der universalpragmatischen Grundeinsichten
die Ethik und Universalmoral im technischen Zeitalter einen stärkeren
pragmatischen Gehalt zu liefern hätten, um einen relevanten Praxisbezug
zu gewährleisten. Bislang gibt es diesbezüglich, so Lenk, keine umfassenden
Ansätze. In dem vorgesehenen Forschungsprojekt soll ein Beitrag zum
Abbau dieses Defizits geleistet werden.
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