Ob
allein das Verfahren der Diskursethik ausreicht, um ethisches Verhalten
angesichts der ökologischen Probleme zu erzeugen, wird von Kuhlmann
und Apel bezweifelt. Daher ergänzen die Autoren das diskursethische
Verfahren durch Elemente der Verantwortungsethik.
Kuhlmann (1986) weist auf die implizierten
Gerechtigkeitsbedingungen in der Diskursethik hin, indem dort nur die
Normen anerkennt werden, denen alle Beteiligten zustimmen würden. Trotz
dieser Gerechtigkeitsprinzipien bleibt die Diskursethik ihrem eigenen
Anspruch zufolge formal, daher fordert Kuhlmann eine "Korrektur"
(vgl. ebd., S. 116) der Diskursethik durch Elemente der Verantwortungsethik,
da eine Gerechtigkeitsethik, zu der er die Diskursethik zählt, negative
Merkmale wie Rigorismus, Förmlichkeit, Teilnahmslosigkeit und Kälte
gehören, während Kuhlmann der Position von Jonas die Eigenschaften Sympathie,
Teilnahme und Wärme zuschreibt (vgl. ebd., S. 102). Kuhlmanns Auffassung
zufolge gehören gerade die von Jonas dargestellten Kriterien zur Ethik,
werden jedoch in der Diskursethik nicht angemessen berücksichtigt, während
der verantwortungsethische Ansatz von Jonas ein Kriterium hervorhebt,
das der Diskursethik fehlt und von Kuhlmann (1987) als "Wohlwollen"
bezeichnet wird.
Das von Jonas konzipierte "Prinzip
Verantwortung" besitzt den weiteren Vorteil, daß es den Verantwortungsbereich
des Menschen klarer definiert als die Diskursethik, die zwar ein gleichberechtigtes
Verhältnis der am Diskurs Beteiligten voraussetzt, jedoch nur eingeschränkte
Angaben über das Verhalten der Diskursteilnehmer gegenüber der Natur
und zukünftigen Generationen darlegt, die nicht an dem Diskurs beteiligt
sind.
Darüber hinaus hält er, wie Kuhlmann,
eine Ergänzung der Diskursethik für notwendig. Er postuliert in seiner
Auseinandersetzung mit der Position von Jonas eine "Diskursethik
als Verantwortungsethik" (Apel 1990, S. 272f.) und teilt im Hinblick
auf die Umweltproblematik mit Jonas die Einschätzung, daß die Lage für
den Menschen aufgrund der ökologischen Probleme bedrohlich ist.
Die ökologischen Probleme erfordern
eine grundlegende Verantwortungsbereitschaft, die durch diskursive Prozesse
unterstützt werden sollen.
Der Diskurs stellt eine notwendige
Voraussetzung dar, damit sich die Kommunikationsgemeinschaft der
Diskursteilnehmer auf die Pflichten und sozial verbindlichen Normen
einigt. Der Zielpunkt der kommunikativen Ethik besteht in der Verwirklichung
der Idee einer "idealen Kommunikationsgemeinschaft" (Apel
1990, S. 37), in der die Identität der Beteiligten und Betroffenen verwirklicht
wird, um der Forderung nach einer solidarischen Verantwortung angesichts
der ökologischen Krise nachzukommen (vgl. Thielemann 1988, S. 5). Nach
Apels Einschätzung setzt der Argumentierende sowohl die reale Kommunikationsgemeinschaft
voraus, in die er durch seinen Sozialisationsprozeß als Mitglied aufgenommen
wurde, als auch eine ideale Kommunikationsgemeinschaft, die im Prinzip
in der Lage wäre, seine Argumente angemessen zu verstehen und den Sinn
der Argumente zu verstehen und zu beurteilen.
Der Diskurs als formales Kriterium
reicht Apels Überzeugung nach nicht aus, um das Kommunikationsverhalten
der Beteiligten zu erfassen.
Apel (1988) hält es von einem "verantwortungsethischen
Standpunkt" aus betrachtet a priori für unzulässig, bei der Begründung
situationsbezogener Normen von den erwartenden Folgen für die potentiell
Betroffenen abzusehen (vgl. ebd., S. 280). Apel (1986) sieht den Vorteil
der "Folgen-Verantwortungsethik" (ebd., S. 17) darin, daß
sie die Grenzen der Kantschen Ethik, aber auch der Diskursethik überschreitet,
indem sie die nicht am Diskurs Beteiligten explizit einbezieht.
Um eine Berücksichtigung der zukünftigen
Generationen im Diskurs zu gewährleisten, sollen die Diskursteilnehmer,
quasi als "Anwälte der Zukunft" (Apel/Böhler (Hg.) 1981, S.
95), die Zukünftigen in ihre Überlegungen einschließen.
Apel räumt jedoch ein, daß sein
Modell eines verantwortungsethischen Diskurses keine Garantie dafür
bietet, daß die am Diskurs Beteiligten sich tatsächlich an die Regeln
halten.