1.2.6 Diskursethik versus Verantwortungsethik

Ob allein das Verfahren der Diskursethik ausreicht, um ethisches Verhalten angesichts der ökologischen Probleme zu erzeugen, wird von Kuhlmann und Apel bezweifelt. Daher ergänzen die Autoren  das diskursethische Verfahren durch Elemente der Verantwortungsethik.
      Kuhlmann (1986) weist auf die implizierten Gerechtigkeitsbedingungen in der Diskursethik hin, indem dort nur die Normen anerkennt werden, denen alle Beteiligten zustimmen würden. Trotz dieser Gerechtigkeitsprinzipien bleibt die Diskursethik ihrem eigenen Anspruch zufolge formal, daher fordert Kuhlmann eine "Korrektur" (vgl. ebd., S. 116) der Diskursethik durch Elemente der Verantwortungsethik, da eine Gerechtigkeitsethik, zu der er die Diskursethik zählt, negative Merkmale wie Rigorismus, Förmlichkeit, Teilnahmslosigkeit und Kälte gehören, während Kuhlmann der Position von Jonas die Eigenschaften Sympathie, Teilnahme und Wärme zuschreibt (vgl. ebd., S. 102). Kuhlmanns Auffassung zufolge gehören gerade die von Jonas dargestellten Kriterien zur Ethik, werden jedoch in der Diskursethik nicht angemessen berücksichtigt, während der verantwortungsethische Ansatz von Jonas ein Kriterium hervorhebt, das der Diskursethik fehlt und von Kuhlmann (1987) als "Wohlwollen" bezeichnet wird.
      Das von Jonas konzipierte "Prinzip Verantwortung" besitzt den weiteren Vorteil, daß es den Verantwortungsbereich des Menschen klarer definiert als die Diskursethik, die zwar ein gleichberechtigtes Verhältnis der am Diskurs Beteiligten voraussetzt, jedoch nur eingeschränkte Angaben über das Verhalten der Diskursteilnehmer gegenüber der Natur und zukünftigen Generationen darlegt, die nicht an dem Diskurs beteiligt sind.
      Darüber hinaus hält er, wie Kuhlmann,  eine Ergänzung der Diskursethik für notwendig. Er postuliert in seiner Auseinandersetzung mit der Position von Jonas eine "Diskursethik als Verantwortungsethik" (Apel 1990, S. 272f.) und teilt im Hinblick auf die Umweltproblematik mit Jonas die Einschätzung, daß die Lage für den Menschen aufgrund der ökologischen Probleme bedrohlich ist.  
      Die ökologischen Probleme erfordern eine grundlegende Verantwortungsbereitschaft, die durch diskursive Prozesse unterstützt werden sollen.
      Der Diskurs stellt eine notwendige Voraussetzung dar, damit sich die Kommunikationsgemeinschaft der Diskursteilnehmer auf die Pflichten und sozial verbindlichen Normen einigt. Der Zielpunkt der kommunikativen Ethik besteht in der Verwirklichung der Idee einer "idealen Kommunikationsgemeinschaft" (Apel 1990, S. 37), in der die Identität der Beteiligten und Betroffenen verwirklicht wird, um der Forderung nach einer solidarischen Verantwortung angesichts der ökologischen Krise nachzukommen (vgl. Thielemann 1988, S. 5). Nach Apels Einschätzung setzt der Argumentierende sowohl die reale Kommunikationsgemeinschaft voraus, in die er durch seinen Sozialisationsprozeß als Mitglied aufgenommen wurde, als auch eine ideale Kommunikationsgemeinschaft, die im Prinzip in der Lage wäre, seine Argumente angemessen zu verstehen und den Sinn der Argumente zu verstehen und zu beurteilen.
      Der Diskurs als formales Kriterium reicht Apels Überzeugung nach nicht aus, um das Kommunikationsverhalten der Beteiligten zu erfassen.
      Apel (1988) hält es von einem "verantwortungsethischen Standpunkt" aus betrachtet  a priori für unzulässig, bei der Begründung situationsbezogener Normen von den erwartenden Folgen für die potentiell Betroffenen abzusehen (vgl. ebd., S. 280). Apel (1986) sieht den Vorteil der "Folgen-Verantwortungsethik" (ebd., S. 17) darin, daß sie die Grenzen der Kantschen Ethik, aber auch der Diskursethik überschreitet, indem sie die nicht am Diskurs Beteiligten explizit einbezieht.
      Um eine Berücksichtigung der zukünftigen Generationen im Diskurs zu gewährleisten, sollen die Diskursteilnehmer, quasi als "Anwälte der Zukunft" (Apel/Böhler (Hg.) 1981, S. 95), die Zukünftigen in ihre Überlegungen einschließen.
      Apel räumt jedoch ein, daß sein Modell eines verantwortungsethischen Diskurses keine Garantie dafür bietet, daß die am Diskurs Beteiligten sich tatsächlich an die Regeln halten.


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