3.3
Elemente einer wohlverstandenen Nachhaltigkeitskommunikation
Welche der oben vorgestellten PR-Konzeptionen kommt für eine Unternehmensstrategie
in Frage, die auf Nachhaltigkeit ausgerichtet ist? Um dies zu beantworten,
müssen die Überlegungen aus der PR-Theorie zusammengefasst werden:[126]
- PR
steht aktuell vor der Aufgabe, Konflikte mit dem gesellschaftlichen
Umfeld des Unternehmens zu lösen. Wollen Unternehmen verhindern, von
der gesellschaftlichen Meinungsbildung ‚überrollt' zu werden, muss
das herkömmliche, einseitige PR-Instrumentarium erweitert werden.
- Öffentlichkeitsarbeit
muss deshalb interaktiv sein und Mitwirkung zulassen. Diskursive und
partizipative Konzepte gewinnen gegenüber Formen beeinflussender PR
an Bedeutung.
- Öffentlichkeitsarbeit
muss vorbehaltlos sein und sowohl positive als auch problematische
Seiten darstellen.[127] Die Vermittlung ungeschönter
Informationen kann als Basis für diskursive Beziehungen zwischen kritischer
Öffentlichkeit und Unternehmen und schließlich als Grundlage für Akzeptanz
und Legitimation dienen.
- "Open-End-Kommunikation"
ist erforderlich[128], da Sachfragen erst im Laufe
des Kommunikationsprozesses entschieden werden können.
- Öffentlichkeitsarbeit
muss "verhaltensorientiert"[129] sein. Kommunikationsbemühungen
müssen, damit sie glaubwürdig bleiben, im Einklang mit den übrigen
Handlungen des Unternehmens und der Unternehmensvertreter stehen.
PR
im Rahmen einer Strategie zur Ausrichtung eines Unternehmens an den
Prinzipien der Nachhaltigkeit soll im Folgenden als ‚Nachhaltigkeitskommunikation'
bezeichnet werden. Diese muss sich folglich an Verständigung orientieren.
Symmetrische und zweiseitige Kommunikationsformen sind geeignet, die
Dialog- und Kommunikationsfähigkeit des Unternehmens zu stärken[130],
und stehen deshalb im Einklang mit dem prozeduralen Nachhaltigkeitsverständnis.
Nur wenn PR eines Unternehmens vermittelnd auf Ausgleich zielt, werden
die notwendigen Aushandlungs- und Lernprozesse für Nachhaltigkeit ermöglicht.[131]
Als Diskussionsgrundlage für diskursive Beziehungen zwischen kritischer
Öffentlichkeit und Unternehmen sollten authentische Informationen über
das Unternehmen und dessen konkrete Einflussmöglichkeiten auf nachhaltigkeitsrelevante
Probleme bereitstehen.[132]
Im Gegensatz
dazu schwächt monologische Kommunikation die gesellschaftliche Legitimationsbasis
der Unternehmen. Nachhaltigkeit als inszeniertes, ‚wünschenswertes Image'
würde eine vernetzte Analyse der geschäftlichen Aktivitäten im Bezug
auf ökologische, soziale und ökonomische Fragen behindern. Die Rhetorik
der persuasiven Kommunikation lässt Argumente in den Hintergrund treten
und begünstigt eine Strategie der Verschleierung über den wahren Veränderungsbedarf
in einem Unternehmen. Ebenso mit Nachhaltigkeitskommunikation unvereinbar
ist PR, die Nachhaltigkeit lediglich zum Thema hat, da sie im Widerspruch
zur geforderten dialogischen Kommunikation und den damit verbundenen
diskursethischen Idealen steht.[133] Während Veränderungsprozesse
vom Konsens aller Betroffenen getragen werden müssen, sieht Persuasion
keine Rückkoppelung zwischen Unternehmen und kritischer Öffentlichkeit
vor. Somit werden Reflexivität und Lernprozesse erschwert und die Veränderungsbereitschaft
sinkt.
Verständigungsorientierte
Dialoge erfüllen jedoch keinen Selbstzweck, ihr Ziel muss es sein, "Maßnahmen
zur Lösung von Problemen vorzubereiten und zu begleiten."[134]
Endgültig erfolgreich können die Kommunikationsprozesse erst dann sein,
wenn sie auch zu sichtbaren Verbesserungen (oder Verhaltensänderungen)
in allen drei Nachhaltigkeits-Dimensionen führen und nicht bei ‚Lippenbekenntnissen'
aufhören. Denn es geht letztlich um "Taten statt Worte."[135]
Insofern besteht in der Übereinstimmung zwischen Kommunikation und Verhalten
eine wichtige ‚Schnittstelle' für die Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele.
Diese kann gewährleisten, dass PR-Aussagen über das Bekenntnis eines
Unternehmens zur Nachhaltigkeit eingehalten und dass erzielte Vereinbarungen
umgesetzt werden.
Zusammenfassend lässt sich sagen,
dass das Leitbild Nachhaltigkeit spezifische Anforderungen an die Unternehmenskommunikation
stellt, die letztlich zu einer eigenständigen Nachhaltigkeitskommunikation
führen müssen, in der die beschriebenen Elemente vereint werden. Nachhaltigkeitskommunikation
soll im Folgenden somit für den Einsatz von Kommunikationsprozessen
und -medien stehen, die im Hinblick auf die Verwirklichung der drei
Dimensionen der Nachhaltigkeit
- Partizipation, Interessenausgleich
und Handlungsorientierung für die Umsetzung von Maßnahmen ermöglichen
und
- Transparenz herstellen.
126 Vgl.
Müller-Christ/Höfer (1998).
127 Vgl. Klaus
von Grebmer: "Lernprozesse in der Kommunikation über
Umweltfragen.
Erfahrungen aus der chemischen Industrie", in: Dyllick,
Thomas
(Hg.): Ökologische Lernprozesse in Unternehmungen, Bern
1991,
S. 173.
128 Grebmer
(1991): S. 170.
129 Grebmer
(1991): S. 170.
130 Vgl. Dyllick
(1989): S. 478.
131 Lass/Reusswig
bestätigen: "Genau diese Form braucht Nachhaltig-
keitskommunikation",
da Diskurse "Begründungen, Bewertungen und
die
Erwägung von Handlungsfolgen verschränken". In einer solchen
"gemeinsamen
Redepraxis" äußern sich Argumente und Stellungnahmen
nicht
nur, sondern entwickeln sich erst im Lichte von Gegenargumenten
und
Gegenstellungnahmen aller" (Lass/Reusswig (2001): S. 166).
132 Problematisch
an einer rein diskursethischen Legitimation von
Handlungen
im Bezug auf Nachhaltigkeit ist jedoch die Frage, wie die
Interessen
nachfolgender Generationen in den Diskurs mit einbezogen
werden
können, ohne dass sich diese selbst artikulieren können. Die
zunächst
offenen Ziele sollen allein durch die Diskursteilnehmer
festgelegt
werden. Schicha (1999) schlägt hier in Anlehnung an K. O.
Apel
eine Kombination aus einem diskurs- und verantwortungs-
ethischem
Ansatz vor. Diese räumt einerseits den Betroffenen der
ökologischen
und sozialen Krise eine stärkere Partizipation an den für
sie
relevanten Entscheidungen ein. Die Interessen der Individuen, die
am
Prozess der Willensbildung nicht teilnehmen können (und zu denen
auch
unmündige und zukünftige Generationen gezählt werden), müssen
"advokatorisch"
vertreten werden. Der Rückgriff auf die Verant-
wortungsethik
soll die Akteure nicht von ihrer Verantwortung
gegenüber
künftigen Generationen entbinden. Diese Kombination aus
Diskurs-
und Verantwortungsethik hilft, Handlungsspielräume zwischen
Idealvorstellungen
und praktischen Handlungsmöglichkeiten
abzuwägen.
133 Vgl.
auch die Feststellung von Lass/Reusswig (2001) aus Kapitel
1.3.2:"Kommunikation
über Nachhaltigkeit muss selbst nachhaltige
Kommunikation
sein". Sie ergänzen: "Das Leitbild einer nachhaltigkeits-
orientierten
Umweltkommunikation ist nicht die Kampagne oder das
Marketing,
sondern der öffentliche Diskurs." (Lass/Reusswig (2001):
S.
164)
134 Dyllick
(1989): S. 481.
135 Dyllick
(1989): S. 481.