4.
Was heißt "Nachhaltigkeit"?
Die
Wurzeln des Nachhaltigkeitsprinzips liegen im Jagdwesen. Jäger und Sammler
bemühten sich in der Regel, ihre Lebensgrundlagen über einen längeren
Zeitraum aufrechtzuerhalten, indem ein Grundstock an Wildbeständen gewahrt
wurde.[23] Als Prinzip der Jäger
galt die "[ ... ] bestmögliche Nutzung des Zuwachses bei voller
Erhaltung des Grundbestandes als Produktionsmittel."[24]
Die Verbreitung der Idee der nachhaltigen Nutzung ist hingegen in der
Tradition der europäischen Wald- und Forstwirtschaft anzusiedeln. Kasthofer
definierte Nachhaltigkeit so, daß "[ ... ] nicht mehr Holz gefällt
wird, als die Natur jährlich darin erzeugt, und auch nicht weniger."[25]
Das Ziel bestand darin, nicht mehr zu ernten, als nachwächst. Den Hintergrund
dazu bildet die Geschichte der menschlichen Waldnutzung: Gegen
Ende des Mittelalters hatte die Holzverarbeitung, Metallverhüttung und
Salzgewinnung dazu geführt, daß die Waldbestände in weiten Teilen Deutschlands
gelichtet waren. Infolge des akuten Holznotstand im 16. Jahrhundert
wurden Verordnungen geschaffen, die den Nutznießern der Baumbestände
die Pflicht auferlegten, nach Abholzung eines Baumes, neue Bäume zu
pflanzen.[26] Bereits 1713 verlangte Carlowitz,
daß die Nutzung eines Waldes nur dann zulässig ist, wenn seine Produktionsfähigkeit
nicht beeinträchtigt würde. Hartwig stellte 1795 die Forderung auf,
daß Wälder nur soweit genutzt werden dürfen, daß den Nachkommen die
Option offensteht, einen ebenso großen Nutzen aus dem Wald ziehen zu
können wie die bereits vorhandenen Generationen. Dieses
Postulat kann als "Generationenvertrag" bezeichnet werden,
der zur grundlegenden Maxime des Forstwesens avancierte.[27]
Um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, als Bergwerke
und frühindustrielle Anlagen die Holzvorräte mit der beginnenden Industrialisierung
ausbeuterisch zu übernutzen begannen, setzte sich das Nachhaltigkeitsprinzip
schließlich innerhalb der Forstordnung durch und wurde als Grundgesetz
einer geordneten Waldwirtschaft von Deutschland aus in alle Teile
der Welt exportiert.[28]
Inzwischen
nimmt die Verwendung des Begriffs der Nachhaltigkeit allerdings inflationäre
Züge an. Sogar die Chemieindustrie wirbt inzwischen mit ganzseitigen
Anzeigen "für eine neue Qualität des Wachstums" durch "Sustainable
Development"[29] und für den Chef von Hoechst
ist diese Aufgabe gar ein "Schlüsselthema" seiner Unternehmensstrategie.[30]
Das mit dem Nachhaltigkeitspostulat verknüpfte Themenspektrum ist sukzessiv
ausgeweitet worden. Neben der Ressourcenschonung werden u.a. soziale
Fragen sowie globale Umweltprobleme diskutiert. Dabei trifft "Nachhaltigkeit"
und "sustainability" ein gewisser Anfangsverdacht, als Leerformeln
die unübersehende Divergenzen in den wirtschaftspolitischen Zielen internationaler
Akteure zu überdecken und drohende internationale Verteilungsprobleme
schon im Vorfeld rhetorisch abzumildern. Dieser Verdacht wird u.a. durch
die Überlegung genährt, daß nicht klar ist, ob eine weitere wirtschaftliche
Entwicklung ohne den irreversiblen Verbrauch vitaler und nicht substituierbarer
Ressourcen überhaupt denkbar - oder sogar vertretbar - ist, vor allem
bei Berücksichtigung des Grundbedarfs der zahlenmäßig sehr viel stärkeren
nächsten und übernächsten Generation. Als politische Leitbegriffe können
"Nachhaltigkeit" und "sustainability" insofern dazu
dienen, Illusionen über die langfristige Vereinbarkeit von wirtschaftlichem
Wachstum, ökologischer Stabilität und globaler Umverteilung (Nord-Süd-Egalisierung)
aufrechtzuerhalten und gegen wissenschaftliche Plausibilitäten abzuschirmen.
Im übrigen ist offensichtlich, daß sich die Begrifflichkeit des "nachhaltigen
Wachstums" bzw. der "nachhaltigen Entwicklung" der politisch-rhetorischen
Manipulation förmlich anbietet: Wer durch die Wahrnehmung von Entwicklungschancen
etwas zu gewinnen hat (wie die sogenannten Schwellenländer), wird sich
zur Legitimation seiner Politik auf die Wachstums- und Entwicklungskomponente,
wer dadurch etwas zu verlieren hat (wie einige Industrieländer), auf
die Bestandserhaltungskomponente berufen.
23
vgl.
Henning 1991, 11
24 vgl.
ebd., 28
25 Kasthofer
1818, 71
26 vgl.
Bosselmann 1992, 101
27 vgl.
Mai 1993, 98
28
vgl. Vorholz 1994, 16
29 vgl.
Frankfurter Rundschau vom 8.10.1994
30 vgl.
Daniels/Eglau/Vorholz 1994, 17