1.
Zukunftsverantwortung in einer bedrohten Welt
Fragen
der Zukunftsverantwortung sind heute von besonderer Aktualität, und
zwar aus mehreren Gründen:
1.
Die technische Verfügungsmacht des Menschen nimmt immer größere Dimensionen
an und reicht in immer weitere Zukunftshorizonte hinein. Ein Beispiel
sind die möglichen globalen Wirkungen der Emission von Treibhausgasen
wie CO2 auf die großklimatischen Verhältnisse. Von den
meteorologischen, ökonomischen und sozialen Auswirkungen der zu befürchtenden
Klimaveränderungen werden voraussichtlich erst die Generationen unserer
Enkel und Urenkel betroffen sein.
2.
Wir wissen zunehmend mehr über die mit gegenwärtigem Handeln und Unterlassen
verknüpften langfristigen Risiken und über mögliche Handlungsalternativen.
Damit erhöht sich der moralische Druck auf menschlichem Tun und Unterlassen.
Der Spielraum für Entlastungsargumente von der Art "Wir haben es
nicht gewußt", "Wir konnten es nicht wissen", "Wir
konnten es nicht ändern" schrumpft.
3. Wir sind dabei,
der Nachwelt eine gewaltige Hypothek in Gestalt einer übernutzten
Umwelt zu hinterlassen. Ursächlich dafür ist das ungebremste Wachstum
der zivilisatorischen Inanspruchnahme der Natur, sowohl als Quelle
von Naturgütern wie Boden, Wasser, Rohstoffen und Energie als auch
als Senke für Rest- und Schadstoffe aus Produktion und Konsum
wie Abfälle, Chemierückstände und Luft- und Wasserverunreinigungen.
Dazu einige bekannte, aber leicht aus dem Bewußtsein verdrängte Tatsachen:
Die
tropische Waldfläche schwindet jährlich um 11 Milliarden Hektar, primär
durch Luftverschmutzung, Abholzung und "sauren" Regen.[1]
Nach
einer Studie des Worldwatch Institute werden jährlich rund 11,4 Millionen
Hektar Tropenholz abgeholzt, wobei nur etwa 10% durch Wiederaufforstungsmaßnahmen
wiederhergestellt werden.[2]
Weltweit
liegt der Bestand an Forstbrachen bei 5 Mill. KM2, wobei
diese Fläche, die der Größenordnung Europas entspricht, unwiederbringlich
versteppt ist.[3]
Der
Waldbestand unseres Planeten nimmt pro Sekunde um ca. 3000qm ab. Pro
Jahr entspricht dieser Schwund etwa dreimal der Fläche der Schweiz.[4]
Allein
in der Bundesrepublik sind mehr als die Hälfte aller Baumarten geschädigt.geschädigt.[5]
An fruchtbaren Schichten
landwirtschaftlicher Flächen gehen jährlich weit mehr Tonnen verloren,
als neu gebildet werden, u.a. durch Versumpfung und Versalzung, Bodenerosion
und Urbanisation (Siedlungsflächen und Straßenausbau). In
den Ländern China, Afrika, Indien und Nordamerika fällt der unterirdische
Wasserspiegel; inzwischen übersteigt der Bedarf den Vorrat an Trinkwasser.[6]
Bis zum Jahr 2000 werden zunehmende Wasserknappheiten
prognostiziert.[7]
Die weltweite Energienutzung ist in den letzten Jahrhunderten erheblich
angestiegen. Während der Verbrauch der Weltbevölkerung um 1650 bei ca.
100 Millionen Tonnen Steinkohleeinheiten (SKE) lag, umfaßte der Anteil
100 Jahre später die doppelte Menge, um 1850 war der Verbrauch auf 500
Millionen Tonnen angestiegen. Danach wurde die Verbrauchsrate in immer
kürzeren Abständen verdoppelt, u.a. infolge des rapiden
Anstiegs der Weltbevölkerung. Inzwischen verdoppelt sich der Energieverbrauch
auf der Erde in weniger als 20 Jahren.
4.
Viele der Schädigungen, die wir den künftigen Generationen hinterlassen,
sind irreversibel und gefährden die Lebensqualität aller nachfolgenden
Generationen: verödete Landschaften, Artenschwund, klimatische Veränderungen.
Jedes Jahr sterben mehrere tausend Pflanzen und Tierarten aus.[8]
Dem Zehn-Jahresbericht des Umweltprogramms der Vereinten
Nationen zufolge sind weltweit rund 25.000 Pflanzen- und mehr als 1.000
Tierarten vom Aussterben bedroht. In der Bundesrepublik drohen rund
50% aller Tierarten und 30% aller einheimischen Pflanzenarten auszusterben.[9]
Hinzu kommen die irreversiblen Risiken, an die sich die späteren
Generationen anpassen müssen, etwa die Risiken der radioaktiven Rückstände
aus der Nutzung der Kernenergie. Diese Hypothek geht bisher zum größeren
Teil nicht auf das Konto des globalen Bevölkerungswachstums, sondern
auf das Konto des Wachstums der Aktivitäten eines kleinen Teils der
Weltbevölkerung, die ihre Austauschprozesse mit der Natur (in Produktion
und Konsum) unbekümmert um die natürlichen Begrenzungen des "Raumschiffs
Erde" enorm intensiviert haben. Mit dem Eintritt bevölkerungsreicher
"Schwellenländer" wie Indien und China in den Kreis der Industrieländer
könnte sich diese Situation ändern. Schon heute gehen die größten Gefahren
etwa für die Ozonschicht der Atmosphäre nicht mehr von den Industrieländern,
sondern den Schwellenländern aus, die nicht reich genug sind, um auf
umweltgefährdende Naturnutzungen verzichten zu können.
5.
Das anhaltende exponentielle Bevölkerungswachstum nimmt eine immer dramatischere
Qualität an. In den letzten beiden Jahrzehnten ist ein Anstieg der Weltbevölkerung
um 1,6 Milliarden Menschen zu verzeichnen; das sind mehr Bewohner als
insgesamt vor 90 Jahren auf unserem Planeten lebten.[10]
Die Zahl der Bewohner der Erde hat sich seit 1950 von 2,5 Milliarden
Menschen bis heute mehr als verdoppelt. Im Mittel rechnen die gegenwärtigen
Schätzungen bis zum Jahr 2050 mit einer Weltbevölkerung von insgesamt
zehn Milliarden Menschen. Es ist noch gänzlich unklar, wie die Grundbedürfnisse
so vieler Menschen mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen gedeckt
werden sollen. Selbst eine hypothetische radikale Egalisierung der Ressourcen
zwischen den reichen, bevölkerungsarmen und den armen, bevölkerungsreichen
Ländern könnte die Überlastung der Tragfähigkeit der Erde kaum verhindern,
ganz abgesehen von der Unwahrscheinlichkeit, daß sich die reichen Ländern
zu einer derartigen Umverteilung bereit finden werden. Auch wenn es
uns in der industrialisierten Welt von Jahr zu Jahr besser zu gehen
scheint: global sind die Aussichten fatal. Schon heute hungern mehr
Menschen auf der Erde als in irgendeiner der vorangegangenen Phasen
der Existenz der Menschheit.
Angesichts
der globalen Entwicklungstrends bedarf es keiner weiteren Erklärung
dafür, warum sich das Paradigma der Zukunftsethik (wie man es nennen
könnte) in den beiden letzten Jahrzehnten vom optimistischen zum
pessimistischen Pol verschoben hat. Das optimistische Paradigma
sah Verantwortung für zukünftige Generationen primär als Verpflichtung
zur Verlängerung eines verläßlichen, auch ohne die Befolgung spezifisch
zukunftsethischer Normen eintretenden Fortschrittsprozesses. In
diesem Paradigma sind die zukünftigen Generationen - u.a. wegen eines
autonomen, d.h. von den gesellschaftlichen Bedingungen unabhängigen
technischen Fortschritts - gegenüber der gegenwärtigen Generation grundsätzlich
bessergestellt. Von dem optimistischen Paradigma, das
den mainstream der Philosophie der Aufklärung (Condorcet, Kant),
des Marxismus (Bloch), der "neoklassischen" ökonomischen Theorie
und der liberalen politischen Philosophie einschließlich John Rawls
"Theorie der Gerechtigkeit" kennzeichnet, sind noch die globalen
Entwicklungsmodelle bestimmt, die die Perspektive und die Erwartungen
der Entwicklungsländer widerspiegeln, wie etwa das Bariloche- oder das
Leontief-Modell.[11]
Im pessimistischen Paradigma sind die zukünftigen Generationen
ohne die Beachtung spezifisch zukunftsethischer Normen gegenüber der
gegenwärtigen Generation schlechtergestellt. Verantwortung für
zukünftige Generationen ist deshalb konservativer Natur und beinhaltet
primär die Verpflichtung zur Erhaltung des technisch, wirtschaftlich
und kulturell Erreichten, zur Schadensvermeidung, zur Minimierung langfristiger
Risiken und zur Vorsorge gegen zukünftige Katastrophen. Das
pessimistische Paradigma liegt - wie schon dem Malthusianismus des 18.
und der Eugenik-Bewegung des 19. Jahrhunderts - den meisten gegenwärtigen
spezifisch ökologischen zukunftsethischen Ansätzen sowie dem
Projekt einer "ökologischen Ökonomie"[12]
zugrunde. Auf den Punkt gebracht wird es in der von
Hans Jonas geforderten "Heuristik der Furcht"[13],
nach der das Schadensrisiko grundsätzlich stärker zu gewichten ist als
die Erfolgschancen und im Zweifelsfall auch auf beträchtliche technische
Fortschritte zugunsten der Minimierung des Katastrophenrisikos verzichtet
werden soll.
Daß
die Unterscheidung zwischen optimistischem und pessimistischem
Paradigma allerdings nur idealtypisch gilt, zeigt sich u. a. daran,
daß sich bei den vielleicht wichtigsten impliziten Zukunftsethikern
des 19. Jahrhunderts, Marx, Engels und Mill, beide Paradigmen
vermischen. Der Fortschritt technischer Naturbeherrschung ist selbst
für die Vertreter eines ausgeprägten technologischen Optimisimus nicht
in jeder Hinsicht ein Fortschritt: Derselbe Marx, der sich die Befreiung
des Proletariers von der "Entfesselung der Produktivkräfte"
mittels fortschreitender technischer Naturbeherrschung erhoffte, hatte
gleichzeitig ein Gespür für die "Herabwürdigung" der Natur
durch menschliche Ausbeutung. Ein Standardvorwurf gegen den Kapitalismus
bei Engels ist sein zerstörerischer "Raubbau" an den
natürlichen Lebensgrundlagen (den ein sozialistisches System seiner
Meinung nach überwinden würde). Und der Fortschrittsoptimist Mill trat
nicht nur als einer der ersten politisch für die Geburtenkontrolle ein
(u.a. auch zugunsten der Emanzipation der Frauen von ausschließlich
familiären Aufgaben), sondern auch für ein Stagnieren des wirtschaftlichen
Wachstums zugunsten der Erhaltung von Naturwerten bei gleichzeitiger
Fortsetzung der kulturellen und moralischen Höherentwicklung.
1 vgl.
Brown/Flavin 1988, 16
2
vgl.
Simonis 1990, 18
3 vgl.
Schönwiese/Diekmann 1991, 84f.
4
vgl. von Weizsäcker 1990, 5
5 vgl. Walletschek/Graw 1990, 53
6 vgl. Brown/Flavin 1988,
16
7 vgl . Walletschek/Graw
1990, 48
8 vgl. Brown/Flavin 1988,
16
9 vgl. Brown/Flavin 1988,
16
10 vgl. Worldwatch Institute
Report 1991, 10
11 Herrera/Scolnik 1977,
Leontief 1977
12 Costanza 1991
13 Jonas 1979, 63ff.